3. Buch: Die soziale Ebene -> 13. Kapitel: Gibt es eine Lösung für die Schizophrenie? -> 93. Folge: Das Gesicht der Krankheit
Deutungsebene ausblendenDas Gesicht der Krankheit
Die Mutter begriff es sofort, als ihr Kind nun verrückt geworden war. Barbara war völlig durcheinander. Sie lachte und weinte, schlief nicht, rannte auf die Straße, wo sie fremde Leute ansprach. Die Mutter erschreckte das furchtbar, sie packte Barbara und brachte sie in die Klinik, was kein Problem war. Danach fing sich Barbara allmählich wieder. Sie erholte sich aber nie ganz. In Abständen kam es immer wieder zum Aufbrechen der akuten Symptomatik.
Für die Eltern bedeutete diese Entwicklung der Krankheit von Barbara eine neue Verschärfung. Sie wussten inzwischen, dass es eine Krankheit war, an der Barbara litt. Nun zeigte die Krankheit ihr neues Gesicht.
Als die Hochzeit von Cornelia festgesetzt wurde, ging
es Barbara zunehmend schlechter. Sie wurde aggressiv, schrie
viel und lief weg. Tagelang war sie verschwunden. Anders als
sonst, weigerte sie sich, in die Klinik zu gehen. Das
schwierige war, sie überhaupt zu finden.
Sie ist
so hilflos! sagte die Mutter immer wieder. In den meisten
Fällen tauchte Barbara nach einigen Stunden oder auch
schon mal nach Tagen irgendwo auf, mehr oder weniger
verwahrlost. Was sie in der Zwischenzeit erlebt hatte,
darüber gab sie nie Auskunft. Einmal wies sie Blessuren
auf, die darauf hinwiesen, dass sie geschlagen worden war.
Auch für eine Vergewaltigung gab es Hinweise.
Barbara ließ sich auf kein Gespräch ein, fing
sofort an zu schreien, wenn man versuchte, etwas heraus zu
bekommen. Die Krankheit und ihr unberechenbarer Verlauf
wurde für all das verantwortlich gemacht.
In Wahrheit waren es schwache Versuche der Verselbständigung und im Kern gesunde Reaktion von Eifersucht und Neid. Nur, das waren inzwischen Kategorien geworden, die für Barbara nicht mehr galten. Darum suchte und fand keiner diese Erklärung für die absurd erscheinenden Symptome, am wenigsten Barbara selbst.
Aber dann wurde es auch wieder besser und die Ärzte rieten zu, als die Mutter nach der Hochzeit von Cornelia den Plan fasste, eine Wohnung für Barbara zu suchen.
Nachdem Barbara ihre eigene kleine Wohnung hatte, rief
sie manchmal die Mutter an:
Ich muss in die Klinik
sagte sie einfach. Oder:
Ich schaffe es nicht.
Die
Mutter fuhr dann los und brachte Barbara in die Klinik. In
anderen Fällen war es die Mutter, die darauf
drängte, oder ein Arzt. Das führte jedenfalls
dazu, dass der Aufenthalt ihrer Tochter in psychiatrischen
Institutionen für die Familie Rein den Charakter von
Normalität bekam.
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