3. Buch: Die soziale Ebene -> 13. Kapitel: Gibt es eine Lösung für die Schizophrenie? -> 92. Folge: Gedanken der Therapeutin

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Gedanken der Therapeutin

Erzählung

So hatte es Frau German schwer, aufmerksam zu bleiben. Ihre Gedanken schweiften ab. Aber sie war eine erfahrene Therapeutin und darum hatte sie die Sicherheit, dass die Abschweifungen etwas mit dem zu tun hatten, was Barbara sagen wollte. Ja, oft verrieten ihr ihre eigenen Gedanken mehr darüber, was Barbara unbewusst meinte als das, was sie erzählte. Frau German dachte z. B. an ihre Tochter Marie und wie die sich gerne herausputzt und dass dieses junge Mädchen viel hübscher ist als sie, die Mutter. Diese Phantasien interpretierte sie so, dass Barbara vermutlich von solchen Gefühlen weiblicher Rivalität bewegt war, wenn auch unbewusst.

Barbara erwähnte, dass die Mutter ihr geraten hatte, sich mit einer Freundin zu treffen.
Frau Rein, das ist doch eine gute Idee, die Freundin anzurufen und zu treffen. Wie heißt sie denn?

Ob sie überhaupt anbeißt wird Angst bekommen hält den Vergleich mit dieser Freundin gar nicht aus wird davor flüchten sich statt dessen wieder mit ihrem Speiseplan beschäftigen hat keine Lust Nadine heißt sie warum soll die absagen.

Warum soll Nadine sich nicht über einen Anruf freuen? Die ist doch auch neugierig auf Sie. Was würden Sie denn gerne mit ihr machen?

Na also doch Spazieren gehen ohne Angst in die Welt gehen reden was sie in der Zwischenzeit gemacht hat die alte Beziehung hat sie gern gehabt.

Sie haben diese Nadine gemocht? Was für ein Mädchen war sie?

Meine natürlich ob sie hübsch war sagt nichts dazu neidisch klar hatte auch Probleme mit Mutter hatten ein Bündnis gegen ihre Mütter die hat es weiter gebracht denkt sie sich so.

Von Ihrer Freundin wissen Sie, dass die in vielen Dingen so fühlt wie Sie?

Schweigt war das klar was ich meine ihre Neugier ihre Lust auf die Welt schweigt immer noch hat Recht ich bin anders als die Mutter...

Frau Rein, Sie bemerken, dass sie zu den Menschen sehr verschiedene Beziehungen haben und dass man auch mehreren Menschen nahe stehen kann.
Vielleicht überlegen wir einmal, wie es sein könnte, wenn Sie Ihre Freundin Nadine treffen. Worüber könnten Sie miteinander reden?

Wenn das in dem Tempo weitergeht kommt die in fünf Jahren nicht von der Stelle...

Am Ende der Stunde:
Auf Wiedersehen, Frau Rein.

Lächelt tapferes Mädchen.

Nach gut einem Jahr schöpfte Frau German Hoffnung. Barbara schien sich auf sie einlassen zu können. Sie sprach erstmals darüber, wie es zum Beispiel wäre, wenn sie eine Ausbildung machte. Aber das war dann doch zu viel für Barbara. Sie machte einen Selbstmordversuch, bzw. etwas, was wie ein Selbstmordversuch inszeniert war. Sie schrieb einen Abschiedsbrief, ging auf eine Brücke und tat so, als ob sie sich davon hinunter stürzen wollte. Das alles war nicht besonders gefährlich, aber es war wie eine Notbremse. Die Familie und der Hausarzt sorgten dafür, dass sie für lange Zeit in die Klinik eingewiesen wurde. Barbara ”braucht eine intensivere Therapie”. Sie kam nicht zu Frau German zurück.

Nicht lange danach wurde sie psychotisch. Die Ärzte im Krankenhaus meinten, dass die Psychotherapie bei Frau German ein Auslöser gewesen sein könnte, woran man doch erkennen könne, wie schädlich die analytische Psychotherapie ist.

Da haben die Ärzte und die Eltern einiges durcheinander geworfen.

Barbara hat Fortschritte gemacht. Fortschritt hieß, dass Barbara etwas mehr Eigenständigkeit gewonnen hatte. Aber die damit verbundene Distanz zu den Eltern konnten weder sie noch die Eltern ertragen. So war Barbara in einem Dilemma. Sie konnte weder ihre Eigenständigkeit weiter verfolgen noch zurück in die alte Abhängigkeit. Der Selbstmordversuch war eine hilflose Geste, die darauf hinwies. Barbara hatte ja nicht die Fähigkeit, ihre Beweggründe offen darzulegen, und in der Familie Rein gab es auch keine Diskussionskultur. So gesehen war es also richtig, dass die Psychotherapie der Auslöser des Selbstmordversuchs war. Aber die Antwort musste nicht sein, die Therapie abzubrechen. Barbara hätte die Anerkennung gebraucht, dass sie ihren Weg allein gehen musste. Allerdings hätte das für sie und die Eltern bedeutet, dass sie sich einsamer gefühlt hätten.


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<- 91. Folge: schwierige Therapie