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Der Tod

Erzählung

Nach einer Weile fuhr Frau Rein mit ihrem Bericht fort:
Die Ärzte haben alles an Medikamenten versucht. Ihre Arme waren ganz zerstochen, so viel Spritzen hat sie bekommen. Zum Schluss haben die Ärzte keine Venen mehr gefunden. Sie wirkte damals wie betäubt, so viel hat sie bekommen. Aber schließlich hatte sie keine Widerstandskraft mehr. Sie wurde ruhiger, immer ruhiger. Jetzt kam eine lange Zeit der Apathie. Für uns, die Familie war das genau so schlimm. Barbara war nicht mehr sie selbst. Sie nässte manchmal auch ein. Die Ärzte haben alles untersucht, sie haben Spezialuntersuchungen des Kopfes gemacht, aber sie haben nichts gefunden.

Endlich, nach langer Zeit ging auch das vorbei. Ich habe immer ein gutes Gespür für Barbara gehabt, besser als irgendeiner der Ärzte. Ich habe sie damals nach Hause genommen. Die Ärzte waren mir dankbar, die waren ja längst mit ihrem Latein am Ende. Die Medikamente habe ich etwas reduziert, ohne einen Arzt zu fragen, und von da ab ging es aufwärts. Ihr Zustand wurde besser. Wir waren ja so glücklich nach dieser langen Leidenszeit.

Sie lebte wieder in ihrer Wohnung, und ich habe sie wie früher nur einmal die Woche besucht und nach dem Rechten geschaut. Die Mutter hielt einen Augenblick inne und sagte dann:
Man muss ja sagen, dass sich die Ärzte und Schwestern in der Klinik viel Mühe gegeben haben. Die hatten auch eine Menge auszuhalten. Ich weiß noch, das war kurz nach der Entlassung, da ist sie mir einmal um den Hals gefallen und hat geweint. Sie hat gesagt, dass sie mir so dankbar für alles ist und dass es ihr so leid tut. Wieder weinte die Mutter und machte eine lange Pause.

Ich habe sie zuletzt am Freitag Nachmittag besucht. Sie war gut gelaunt. Wir haben darüber gesprochen, dass sie ein neues Sofa braucht. Ich hatte in der Zeitung Prospekte von Möbelhäusern gefunden und einige Sachen angekreuzt, die ich gut fand. Die habe ich ihr gezeigt. Wie haben lange darüber gesprochen. Sie war richtig begeistert. Sie hat sich für ein Sofa entschieden, das mir auch gut gefallen hat. Das war ein Sofa zum Liegen und Sitzen und dabei ganz zierlich. Das würde gut in ihre Wohnung passen. Als ich nach Hause ging, hat sie sich ganz lieb von mir verabschiedet. Die Mutter stoppte.
Vielleicht hat sie es schon gewusst. Mir ist es noch nicht aufgefallen. Aber nie hat sie sich so lieb von mir verabschiedet.
Sie ist vom Dach eines Parkhauses gesprungen, sagte die Mutter tonlos und schwieg. Auch Robert schwieg.
 
Barbara war am Montag, so gegen acht Uhr dreißig, wie die Polizei später rekonstruierte, zu einem nahe gelegenen hohen Parkhaus gegangen und  von der letzten Etage in die Tiefe gesprungen. Sie war nach dem Sprung offensichtlich sofort tot. Der Körper war durch den Aufprall übel zugerichtet. Sie muss mit den Beinen aufgekommen sein; sie waren in den Rumpf hinein gestaucht, so dass sie ganz klein wirkte. Der Hinterkopf war eingedrückt, also war sie nach dem Aufprall nach hinten gekippt und mit dem Kopf aufgeschlagen. Das Gesicht war unversehrt.

Es war eine wenig begangene Straße. Niemand hat den Sprung beobachtet. Der Inhaber eines nahe gelegenen Kiosks, der schon geöffnet hatte, hörte das dumpfe Geräusch des Aufpralls und sah den Körper auf der Straße liegen. Er benachrichtigte die Polizei.

Die Polizei hatte nicht viel Mühe, die Identität der Toten festzustellen. Man fand in einer Jackentasche ein kleines Schächtelchen mit Medikamenten, auf dem Etikett war die Apotheke vermerkt, wo es gekauft worden war. Der Apotheker, der gebeten wurde, sich die Tote anzuschauen, konnte Barbara sofort als eine seiner Kundinnen identifizieren. Ursula Rein nahm die Nachricht am Telefon entgegen. Sie hatte eigentlich ständig damit gerechnet, dass es passieren würde. Aber der Tod, wenn er so nahe kommt, ist immer ein Schrecken.

 

 


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