3. Buch: Die soziale Ebene -> 14. Kapitel: Das erste Ende der Geschichte -> 101. Folge: Der Psychiater

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Der Psychiater

Erzählung

Ursula Rein erstarrte innerlich in einer einzigen Sekunde. Nur das Weinen half ihr. Sie hat auch später lange um dieses Kind geweint, in einsamen Nächten und am Grab. Es war ja nicht nur, dass das Leben ihres Kindes noch vor ihr zu Ende gegangen war, es erschien ihr auch wie ein verlorenes Leben, das da in ihrem Schoß entstanden war. Der Vater nahm es scheinbar ohne große innere Bewegung auf. Cornelia war gespalten. Sie empfand viel Trauer um ihre Schwester und fühlte sich selbst verloren. Zugleich spürte sie auch Erleichterung. Sie wusste, dass sich Barbara mit dem freiwilligen Tod viel Kummer erspart hatte. Aber wie es ihre Natur war, waren diese Gefühle mehr unbewusst als bewusst.

Beim Abschied drückte Robert lange die Hand von Ursula Rein, und sie ließ es geschehen.

Es war eine kleine Trauergemeinschaft bei der Beerdigung, die Eltern, Cornelia und ihr Mann, Robert mit seiner Frau und die Mutter von Cornelias Mann. Sie umarmte Ursula Rein lange wortlos am offenen Grab.

Für Robert war Barbaras Geschichte mit der Beerdigung noch nicht erledigt. Er fragte sich, ob seine Unternehmungen etwas mit dem Selbstmord von Barbara zu tun hatten. Aber wie sollte er eine Antwort finden? Schließlich meldete er sich bei Dr. Kraus an.

Dr. med. Johannes Kraus war Facharzt für Psychiatrie. Zugleich hatte er eine Ausbildung als Psychotherapeut. Es war ein schon grau gewordener Mann, klein und ziemlich rundlich, dabei quicklebendig und ständig mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Er genoss bei den Kollegen und auch Patienten den Ruf, ein solider und kenntnisreicher, aber auch etwas kauziger Arzt zu sein. Kraus verstand sein Fachgebiet so, dass er den gesellschaftlichen Auftrag hatte, Verrücktheit für die Gesellschaft handhabbar zu machen. Natürlich kann man psychische Krankheiten auch heilen, jedenfalls in vielen Fällen. Aber immer hielt er das gar nicht für wünschenswert.

Manchmal malte er sich aus, dass es eine Gesellschaft irgendwie doch erreichen könnte, Psychosen und verwandte Zustände auszumerzen. Wenn er  in den Fachzeitschriften, die er regelmäßig las, die Begeisterung seiner Fachkollegen für bestimmte therapeutische Neuerungen spürte und von ihren Erfolgsberichten las, fragte er sich, ob das nicht doch eine realistische Perspektive sei. Vielleicht ist es doch möglich, die Psychose so auszurotten oder wenigstens zurück zu drängen wie z. B. die Pocken oder die Pest. Er versuchte sich vorzustellen, wie das sein würde. Ein gesellschaftlicher Zustand, in dem es keinen vor Neid kranken Richard den Dritten, keinen paranoiden Stalin, keinen größenwahnsinnigen Hitler gab; denn dass diese Menschen verrückter gewesen waren als seine kränksten Patienten, daran zweifelte er nicht. Entweder nämlich hatten sie an den Blödsinn, den sie da verkündeten, geglaubt und waren eben darum verrückt, oder sie glaubten nicht daran, dann waren sie wegen ihrer Mordgier verrückt.

Er stellte sich vor, dass jeder normal sein würde. Aber bei dieser Vorstellung wurde Dr. Kraus ganz beklommen. Er wollte einen solchen Zustand um nichts in der Welt, weil es ihm wie die Vollendung der Absurdität vorkam. Es gab eine unabweisbare Vorstellung in ihm, dass das eben gleichbedeutend damit sei, dass alles verrückt sei, ohne Freiheit, ohne Leben, ja ohne Entwicklung. Er konnte es nicht besser formulieren. Wenn man versuchen wollte, die Psychose abzuschaffen, dann wird sie zur Normalität. Er pflegte darauf hinzuweisen, dass der Nationalsozialismus psychische Krankheiten durch Mord ausrotten wollte, im Bolschewismus galt sie als Resterscheinung vorsozialistischer Zustände. Das geistig und seelisch Gesunde hat nur eine Chance, wenn auch die Psychose ein Existenzrecht hat.

Dieser Abschnitt und die Unterhaltung zwischen Robert und Dr. Kraus sind nicht in rot gedruckt, weil es sich bei den Überzeugungen von Dr. Kraus mehr um eine Ansicht als um gesicherte Fakten handelt.

Kraus war durch diese Gedanken verwirrt. Er hat auch nur im vertrauten Kreis davon erzählt; denn er  fürchtete, dafür komisch angesehen zu werden. Ehrlich gesagt schämte er sich ein bisschen dafür. Sagt man nicht, dass die Psychiater selbst alle verrückt sind? Aber dann dachte er wieder, dass es doch ein Zeichen des Wahns ist, den Zweifel nicht zuzulassen. Sein Zweifel konnte so falsch darum nicht sein. Dann war er zufrieden mit sich.

 

 


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<- 100. Folge: Der Tod