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Ein merkwürdiges Paar

Erzählung

 Aber er gab nicht so schnell auf. Er war unbefangen genug, selbst zu versuchen, was andere nicht tun wollten. Er besuchte Barbara und lud sie zum Essen oder zu einer Veranstaltung ein. Seine Frau bat er, dass sie ihn gelegentlich begleitete. Es sollte keiner auf falsche Gedanken kommen, am wenigsten Barbara selbst. Barbara nahm die Einladungen von Robert meistens an. Sie war eine skurrile Begleiterin. So trug sie immer einen Mantel, egal wie warm es war. In Lokalen pflegte sie ziemlich laut das Essen zu kommentieren. Manchmal lachte sie unmotiviert. Dabei war sie insgesamt sehr schweigsam. Es war kaum möglich, mit ihr ein längeres Gespräch zu führen. Einmal ging er mit ihr am großen See, der am Rande der Stadt lag, spazieren. Es war ein warmer Sommertag, und so waren viele Leute dort. Barbara war einsilbig und  antwortete immer nur mit ”ja” und ”nein”. Darum überließ Robert sich lieber seinen Gedanken. Er wollte den Spaziergang dann doch wenigstens auf seine Weise genießen. Barbara war die ganze Zeit mit sich beschäftigt. Unversehens ging sie auf eine junge Frau zu und sprach sie an. Robert verstand nicht, was sie sagte, da er einige Schritte zurück geblieben war. Die junge Frau reagierte abweisend. Barbara wurde unruhig, sprach auf die Frau ein und lief schreiend weg.

Robert kam sich bei dieser und ähnlichen Aktionen ziemlich komisch vor. Die beiden passten äußerlich auch gar nicht zusammen. Ein gut situierter Herr im Anzug und neben ihm eine jüngere Frau, der man ansah, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Doch war Robert ein Mensch, dem das Ziel, das er sich gesetzt hatte, wichtiger war als das, was die Menschen darüber dachten, und darum war es ihm egal, wie er mit Barbara auf andere Menschen wirkte.

Die Sache zog sich hin, ein Jahr und dann noch eins, ohne dass sich etwas an Barbara und ihren Lebensgewohnheiten verändert hätte. Robert registrierte das resigniert, aber er sprach mit keinem darüber. Er dachte sich schließlich, dass es eben so bleiben würde und dass es auch Sinn machte, Barbara auf diese Weise, nämlich dass er sie ein paar Mal im Jahr zu Unternehmungen einlud, am Leben teilhaben zu lassen. Auf eine gewisse Weise hatte er auch eine Zuneigung zu ihr gefasst.

Eines Tages machte Barbara Probleme mit dem neuen Termin, den Robert mit ihr ausmachen wollte. Sie hätte zu dem Zeitpunkt eine andere Verabredung. Normalerweise rief er an, schlug ihr einen Termin vor und, da Barbara den ganzen Tag nichts zu tun hatte, gab es keine Absagen von ihr. Die Mutter besuchte ihre Tochter fast immer am Freitag, was Robert wusste. Frühere Termine waren auch schon mal geplatzt, wenn Barbara unverhofft in die Klinik ging. Aber das hatte sie nie angekündigt, weil sie natürlich vorher darüber nichts wusste, bzw. wissen konnte. Die Situation war diesmal eine andere. Als Robert sie fünf Wochen später wieder traf, sah Barbara anders aus. Ihr Gesicht war frischer und sie hatte sich die Lippen geschminkt, wenn das auch etwas daneben gegangen war. Robert fragte sie aus. Was er heraus bekam, war, dass sich Barbara mit einem jungen Mann angefreundet hatte, der auch psychisch krank war. Es war nicht zu erfahren, wo sie ihn aufgegabelt hatte, wie oft sie ihn sah und wie nahe sie sich standen

Robert hat nicht weiter nach dem jungen Mann gefragt. Er dachte, dass sich Barbara in diesen Mann, dessen Namen er auch erfuhr, verliebt hatte.


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