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Die heilige Krankheit

Erzählung

Was bedeutet es schon, dass wir ihren Zustand krank nennen? Ich will sagen, dass psychische Krankheit eine Definitionssache ist. Andere Kulturen sehen das anders als wir. Kommen Sie, ich zeige ihnen was.
Dr. Kraus ging zu einem Regal und kramte unter Papieren.
Hier lesen sie!
Er gab Robert einen Zeitungsausschnitt. Robert las:
Kadeshwari Baba steht seit 37 Jahren auf einem Bein. Auch gesprochen hat er seit 1964 nicht mehr. Sein kahl geschorener Kopf ist bunt bemalt, seine Jünger haben einen Baldachin zu seinem Schutz gegen die gleißende Sonne über ihm errichtet, aus safranfarbenen Stoffen und Girlanden. Baba ist einer ihrer Heiligen. Mit mehreren Hunderttausenden anderen Heiligen ist er aus den Wäldern und Höhen, den Wüsten und Weiten Indiens gekommen, um mit Millionen von Gläubigen das heiligste Fest der Hindus zu feiern: die Kumbh Mela.

Amar Bharatji ist ein heiliger Kollege vom stehenden Baba. Seit mehr als 40 Jahren sitzt er in Lotossitz, sein rechter Arm ist ständig zum Himmel gereckt. Die Hand ist nur noch eine Klaue, die Finger verkrüppelt, die Fingernägel hängen wie lange Würmer an den Unterarmen herab. Einen heiligen Schwur hat er getan, eine sadhana, zur Läuterung. Sein Haar hat seit Jahrzehnten keinen Kamm mehr geordnet, der Bart hängt ihm wild herab. Auch dieser Heilige spricht nicht mehr. Aber wenn er ein Grunzen von sich gibt, dann wissen seine Jünger schon, was er will. Meist ist es ein frisch gerollter Joint. Die Menschen drängen sich in dichten Scharen um ihn, in der Hoffnung, dass von seiner Heiligkeit etwas auf sie abfärbt.

Ein paar Schritte weiter liegt ein Sadhu bewegungslos auf dem Boden. Seinen Kopf hat er tief in den Sang eingegraben. Körperbeherrschung, Joga, Meditation. Neben ihm murmelt ein anderer unablässig Mantras, halbnackt und bis auf die Knochen abgemagert. Er tut es seit 69 Jahren.

 Robert guckte auf die Kopfzeile: ”Kölner Stadt Anzeiger” las er. Das Datum war mit der Hand daneben geschrieben: ”25. 01. 2001  S. 3”.

Robert blickte auf Dr. Kraus.
Nach unserem Verständnis sind diese Heiligen in einem schizophrenen Zustand mit einer Starre, die die Psychiater ‘Katatonie’ nennen, erläuterte der.
Aber ihre Psychose hat in  dem gesellschaftlichen Gefüge, in dem sie leben, einen Sinn, der von den Menschen um sie herum hoch geachtet wird.
 Sehr beeindruckend, sagte Robert. Aber ich verstehe nicht genau, was Sie sagen wollen. Was hat das mit Barbara zu tun? Die wollte doch so eine verrückte Heilige nicht sein.
Stimmt. Ich habe es Ihnen gezeigt, weil ich damit untermauern wollte, dass bei uns den schizophrenen  Menschen keine soziale Funktion zuerkannt wird.

Dr. Kraus fiel in einen etwas dozierenden Ton:
Die Frage, die wir uns gestellt hatten, war, was Frau Rein anders als behindert hätte sein können. Um aus ihrem Status als Behinderte heraus zu kommen, hätte sie zunächst einmal eine Haltung zu ihrer Weiblichkeit entwickeln müssen. Frau Rein hat es versucht. Ihre Beziehung zu dem jungen Mann ist der Beweis. Ihr Problem muss gewesen sein, dass sie dabei in Widersprüche gekommen ist. Und mit Sicherheit haben ihr die Menschen um sie herum dabei nicht geholfen, sondern haben die Schwierigkeiten vergrößert, indem sie versuchten, Frau Rein in ihrer alten Rolle zu halten. - Nehmen wir den Vater: Der musste in dem Augenblick, in dem sie einen Freund hatte, anerkennen, dass seine Tochter eine Frau ist. Das hätte auch eine Veränderung seiner Beziehung zu seiner Frau bedeutet.

Verstehe ich nicht, wandte Robert ein. Dass Barbara ein Mädchen bzw. eine Frau war, wusste der Vater doch schon lange. Und was hat das mit seiner Beziehung zu seiner Frau zu tun?
Sie war ein Kind, wuchs heran zu einem jungen Mädchen und war hübsch. Ich habe ein Bild von ihr gesehen. Das hat ganz sicher auch der Vater bemerkt, und er hat auf irgendeine Art mit seinen sexuellen Bedürfnissen darauf reagieren müssen. Wenn er wahrnimmt, dass er eine hübsche Tochter hat, dann muss er als Vater die erotische Komponente in der Beziehung zu ihr unterdrücken. Mit der Ehefrau hat das in der Tat etwas zu tun. Wenn der Vater nämlich auf seine Tochter als Sexualobjekt verzichtet, dann bekräftigt er damit erstens die Einmaligkeit der sexuellen Beziehung zu seiner Frau und zweitens, dass die sexuelle Rivalität zwischen Tochter und Mutter, was ihn betrifft, zu Gunsten der Mutter entschieden ist.

Dr. Kraus hatte sich etwas ereifert:
Das erscheint Ihnen vielleicht selbstverständlich. Aber das ist es nicht. Es erfordert seelische Arbeit und viel Disziplin. Sie sehen es doch an der Familie Rein. Wenn man die Weiblichkeit der Tochter nicht zur Kenntnis nimmt, erspart man sich diese Mühen. Und die Tochter hat das Spiel mit gemacht. Sie hat so getan, als ob sie gar keine Frau ist.

Aber wenn Ihnen das alles zu sehr Psychoanalyse ist, dann sehen Sie es einfach so: sagte Dr. Kraus.
Wenn Frau Rein sich so entwickelt hätte, dass sie die Fürsorge der Eltern nicht mehr brauchte, wären die Eltern wesentlich mehr mit sich und ihrer Beziehung konfrontiert gewesen und hätten sich damit auseinander setzen müssen, was sie als Paar darstellen. So weit ich weiß, haben sie aber eine sehr schlechte Ehe und von daher viele Gründe, diese Konfrontation zu vermeiden.

Das letzte leuchtet mir viel mehr ein, sagte Robert.
Aber sagen Sie Doktor, für den  Selbstmord von Barbara bin ich mitverantwortlich. Meine Aktivitäten haben sie den Eltern entfremdet, haben sie mehr eine Frau sein lassen, und das hat sie schließlich zum Selbstmord getrieben.
Ja und nein, mein Lieber. Der Anlass waren Sie, denke ich, schon. Aber verantwortlich für ihren Selbstmord ist sie selbst und niemand anders.
Doktor, sagte Robert, Sie wollen mich schonen.
Nun, schonen will ich Sie nicht, obwohl ich denke, so uneigennützig waren Ihre Motive auch wieder nicht.
Wie meinen Sie das? Was hatte ich denn davon, mich um Barbara zu kümmern. Von einem Helfersyndrom werde ich ansonsten nicht geplagt.
Ich bin an dem Punkt auch nicht so sicher. Erst noch mal zu dem Dilemma, in dem Frau Rein steckte. Sie wusste, was es bedeutete, sich eine neue Lebensperspektive zu erschließen. Als sie bei mir war, haben wir darüber gesprochen. Sie hatte die Wahl. Entweder sie machte so weiter wie vorher. Wenn sie Glück gehabt hätte, wäre es ein ruhiges Leben ohne Besonderheiten geworden. Der einzige Bezugsrahmen wäre die Familie geblieben. Oder sie würde etwas ändern. Das wäre eine Chance gewesen zu leben. Aber um diesen neuen Weg zu realisieren, hätte sie sich neu orientieren müssen, sie hätte die Zweifel und Widerstände aller Menschen um sich herum, der Eltern, Freunde, Psychiater etc. überwinden müssen. Dass das nicht ohne Blut und Tränen möglich sein würde – um es mal so zu sagen – war klar.
Er fügte hinzu:
Ich habe ihr gesagt, dass ich ihr weder zu dem einen und noch zu dem anderen raten kann.
 
Robert war überrascht. Es beeindruckte ihn, was der alte Mann da sagte.

Dr. Kraus machte eine lange Pause. Er stand auf und ging in seinem Arbeitszimmer hin und her. Schließlich sagte er:
Viel ist es nicht mehr, was ich dazu sagen kann. Wenn sie ihre Identität daraus bezog, dass sie für ihre Eltern ein Problem abhandelte und sei es auch nur dieses, dass ihre behinderte Existenz es ihnen möglich machte, beieinander zu bleiben, wie sollte sie sich dann eine andere Identität geben?
Also sind die Eltern schuld an dem Selbstmord.
Nein, die Eltern sind nicht schuld. Aber sie können sich ihr weiteres Leben über die Krankheit ihrer Tochter unterhalten und sich auch gegenseitig die Schuld für den Suizid zuschieben. Sie können aber auch anerkennen, dass ihnen die Tochter durch ihren Selbstmord bewiesen hat, dass sie, wie alle Eltern, letztlich doch nicht bestimmen können, was die Kinder tun. Diese  Ohnmacht hinnehmen, hieße um ihre Tochter zu trauern. Dann würde alles anders sein, weil sie anerkennen würden, dass ihre Tochter eine eigene Existenz hatte. Man kann und sollte nicht sagen, dass die Eltern schuld an der Entwicklung waren. Ja, auch die Schuld an der psychischen Störung darf man ihnen nicht geben.
Erst beziehen Sie sich auf die Eltern, und dann sagen Sie, die hätten keine Schuld.

Ich kann es Ihnen nicht beweisen. Ich kenne auch keine wissenschaftlichen Arbeiten dazu. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Frage, ob jemand verrückt ist oder nicht, allein von der individuellen Verfassung einzelner Menschen abhängt, obwohl natürlich die Eltern die Entwicklung der Kinder bestimmen. Wenn wir die Psychose nicht brauchen würden, gäbe es sie nicht. Nicht weil Sie sich in ihr Leben eingemischt haben, haben Sie einen Anteil an ihrem Schicksal, sondern weil wir alle etwas davon haben, dass es Menschen wie Frau Rein gibt. Wir verleugnen das.

Die Unterhaltung endete hier. Der Doktor hatte noch Patienten, die auf ihn warteten.


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