3. Buch: Die soziale Ebene -> 14. Kapitel: Das erste Ende der Geschichte -> 103. Folge: Die heilige Krankheit
Deutungsebene ausblendenDie heilige Krankheit
Was bedeutet es schon, dass wir ihren Zustand krank
nennen? Ich will sagen, dass psychische Krankheit eine
Definitionssache ist. Andere Kulturen sehen das anders als
wir. Kommen Sie, ich zeige ihnen was.
Dr. Kraus ging zu
einem Regal und kramte unter Papieren.
Hier lesen sie!
Er gab Robert einen Zeitungsausschnitt. Robert las:
Kadeshwari Baba steht seit 37 Jahren auf einem Bein. Auch
gesprochen hat er seit 1964 nicht mehr. Sein kahl
geschorener Kopf ist bunt bemalt, seine Jünger haben
einen Baldachin zu seinem Schutz gegen die gleißende
Sonne über ihm errichtet, aus safranfarbenen Stoffen
und Girlanden. Baba ist einer ihrer Heiligen. Mit mehreren
Hunderttausenden anderen Heiligen ist er aus den
Wäldern und Höhen, den Wüsten und Weiten
Indiens gekommen, um mit Millionen von Gläubigen das
heiligste Fest der Hindus zu feiern: die Kumbh Mela.
Amar Bharatji ist ein heiliger Kollege vom stehenden Baba. Seit mehr als 40 Jahren sitzt er in Lotossitz, sein rechter Arm ist ständig zum Himmel gereckt. Die Hand ist nur noch eine Klaue, die Finger verkrüppelt, die Fingernägel hängen wie lange Würmer an den Unterarmen herab. Einen heiligen Schwur hat er getan, eine sadhana, zur Läuterung. Sein Haar hat seit Jahrzehnten keinen Kamm mehr geordnet, der Bart hängt ihm wild herab. Auch dieser Heilige spricht nicht mehr. Aber wenn er ein Grunzen von sich gibt, dann wissen seine Jünger schon, was er will. Meist ist es ein frisch gerollter Joint. Die Menschen drängen sich in dichten Scharen um ihn, in der Hoffnung, dass von seiner Heiligkeit etwas auf sie abfärbt.
Ein paar Schritte weiter liegt ein Sadhu bewegungslos auf dem Boden. Seinen Kopf hat er tief in den Sang eingegraben. Körperbeherrschung, Joga, Meditation. Neben ihm murmelt ein anderer unablässig Mantras, halbnackt und bis auf die Knochen abgemagert. Er tut es seit 69 Jahren.
Robert guckte auf die Kopfzeile: ”Kölner Stadt Anzeiger” las er. Das Datum war mit der Hand daneben geschrieben: ”25. 01. 2001 S. 3”.
Robert blickte auf Dr. Kraus.
Nach unserem
Verständnis sind diese Heiligen in einem schizophrenen
Zustand mit einer Starre, die die Psychiater
‘Katatonie’ nennen, erläuterte der.
Aber ihre Psychose hat in dem gesellschaftlichen
Gefüge, in dem sie leben, einen Sinn, der von den
Menschen um sie herum hoch geachtet wird.
Sehr
beeindruckend, sagte Robert. Aber ich verstehe nicht genau,
was Sie sagen wollen. Was hat das mit Barbara zu tun? Die
wollte doch so eine verrückte Heilige nicht sein.
Stimmt. Ich habe es Ihnen gezeigt, weil ich damit
untermauern wollte, dass bei uns den schizophrenen
Menschen keine soziale Funktion zuerkannt wird.
Dr. Kraus fiel in einen etwas dozierenden Ton:
Die
Frage, die wir uns gestellt hatten, war, was Frau Rein
anders als behindert hätte sein können. Um aus
ihrem Status als Behinderte heraus zu kommen, hätte sie
zunächst einmal eine Haltung zu ihrer Weiblichkeit
entwickeln müssen. Frau Rein hat es versucht. Ihre
Beziehung zu dem jungen Mann ist der Beweis. Ihr Problem
muss gewesen sein, dass sie dabei in Widersprüche
gekommen ist. Und mit Sicherheit haben ihr die Menschen um
sie herum dabei nicht geholfen, sondern haben die
Schwierigkeiten vergrößert, indem sie versuchten,
Frau Rein in ihrer alten Rolle zu halten. - Nehmen wir den
Vater: Der musste in dem Augenblick, in dem sie einen Freund
hatte, anerkennen, dass seine Tochter eine Frau ist. Das
hätte auch eine Veränderung seiner Beziehung zu
seiner Frau bedeutet.
Verstehe ich nicht, wandte Robert ein. Dass Barbara ein
Mädchen bzw. eine Frau war, wusste der Vater doch schon
lange. Und was hat das mit seiner Beziehung zu seiner Frau
zu tun?
Sie war ein Kind, wuchs heran zu einem jungen
Mädchen und war hübsch. Ich habe ein Bild von ihr
gesehen. Das hat ganz sicher auch der Vater bemerkt, und er
hat auf irgendeine Art mit seinen sexuellen
Bedürfnissen darauf reagieren müssen. Wenn er
wahrnimmt, dass er eine hübsche Tochter hat, dann muss
er als Vater die erotische Komponente in der Beziehung zu
ihr unterdrücken. Mit der Ehefrau hat das in der Tat
etwas zu tun. Wenn der Vater nämlich auf seine Tochter
als Sexualobjekt verzichtet, dann bekräftigt er damit
erstens die Einmaligkeit der sexuellen Beziehung zu seiner
Frau und zweitens, dass die sexuelle Rivalität zwischen
Tochter und Mutter, was ihn betrifft, zu Gunsten der Mutter
entschieden ist.
Dr. Kraus hatte sich etwas ereifert:
Das erscheint
Ihnen vielleicht selbstverständlich. Aber das ist es
nicht. Es erfordert seelische Arbeit und viel Disziplin. Sie
sehen es doch an der Familie Rein. Wenn man die Weiblichkeit
der Tochter nicht zur Kenntnis nimmt, erspart man sich diese
Mühen. Und die Tochter hat das Spiel mit gemacht. Sie
hat so getan, als ob sie gar keine Frau ist.
Aber wenn Ihnen das alles zu sehr Psychoanalyse ist,
dann sehen Sie es einfach so: sagte Dr. Kraus.
Wenn
Frau Rein sich so entwickelt hätte, dass sie die
Fürsorge der Eltern nicht mehr brauchte, wären die
Eltern wesentlich mehr mit sich und ihrer Beziehung
konfrontiert gewesen und hätten sich damit auseinander
setzen müssen, was sie als Paar darstellen. So weit ich
weiß, haben sie aber eine sehr schlechte Ehe und von
daher viele Gründe, diese Konfrontation zu
vermeiden.
Das letzte leuchtet mir viel mehr ein, sagte Robert.
Aber sagen Sie Doktor, für den Selbstmord
von Barbara bin ich mitverantwortlich. Meine
Aktivitäten haben sie den Eltern entfremdet, haben sie
mehr eine Frau sein lassen, und das hat sie
schließlich zum Selbstmord getrieben.
Ja und
nein, mein Lieber. Der Anlass waren Sie, denke ich, schon.
Aber verantwortlich für ihren Selbstmord ist sie selbst
und niemand anders.
Doktor, sagte Robert, Sie wollen
mich schonen.
Nun, schonen will ich Sie nicht, obwohl
ich denke, so uneigennützig waren Ihre Motive auch
wieder nicht.
Wie meinen Sie das? Was hatte ich denn
davon, mich um Barbara zu kümmern. Von einem
Helfersyndrom werde ich ansonsten nicht geplagt.
Ich
bin an dem Punkt auch nicht so sicher. Erst noch mal zu dem
Dilemma, in dem Frau Rein steckte. Sie wusste, was es
bedeutete, sich eine neue Lebensperspektive zu
erschließen. Als sie bei mir war, haben wir
darüber gesprochen. Sie hatte die Wahl. Entweder sie
machte so weiter wie vorher. Wenn sie Glück gehabt
hätte, wäre es ein ruhiges Leben ohne
Besonderheiten geworden. Der einzige Bezugsrahmen wäre
die Familie geblieben. Oder sie würde etwas
ändern. Das wäre eine Chance gewesen zu leben.
Aber um diesen neuen Weg zu realisieren, hätte sie sich
neu orientieren müssen, sie hätte die Zweifel und
Widerstände aller Menschen um sich herum, der Eltern,
Freunde, Psychiater etc. überwinden müssen. Dass
das nicht ohne Blut und Tränen möglich sein
würde – um es mal so zu sagen – war
klar.
Er fügte hinzu:
Ich habe ihr gesagt,
dass ich ihr weder zu dem einen und noch zu dem anderen
raten kann.
Robert war überrascht. Es
beeindruckte ihn, was der alte Mann da sagte.
Dr. Kraus machte eine lange Pause. Er stand auf und
ging in seinem Arbeitszimmer hin und her. Schließlich
sagte er:
Viel ist es nicht mehr, was ich dazu sagen
kann. Wenn sie ihre Identität daraus bezog, dass sie
für ihre Eltern ein Problem abhandelte und sei es auch
nur dieses, dass ihre behinderte Existenz es ihnen
möglich machte, beieinander zu bleiben, wie sollte sie
sich dann eine andere Identität geben?
Also sind
die Eltern schuld an dem Selbstmord.
Nein, die Eltern
sind nicht schuld. Aber sie können sich ihr weiteres
Leben über die Krankheit ihrer Tochter unterhalten und
sich auch gegenseitig die Schuld für den Suizid
zuschieben. Sie können aber auch anerkennen, dass ihnen
die Tochter durch ihren Selbstmord bewiesen hat, dass sie,
wie alle Eltern, letztlich doch nicht bestimmen können,
was die Kinder tun. Diese Ohnmacht hinnehmen,
hieße um ihre Tochter zu trauern. Dann würde
alles anders sein, weil sie anerkennen würden, dass
ihre Tochter eine eigene Existenz hatte. Man kann und sollte
nicht sagen, dass die Eltern schuld an der Entwicklung
waren. Ja, auch die Schuld an der psychischen Störung
darf man ihnen nicht geben.
Erst beziehen Sie sich auf
die Eltern, und dann sagen Sie, die hätten keine
Schuld.
Ich kann es Ihnen nicht beweisen. Ich kenne auch keine wissenschaftlichen Arbeiten dazu. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Frage, ob jemand verrückt ist oder nicht, allein von der individuellen Verfassung einzelner Menschen abhängt, obwohl natürlich die Eltern die Entwicklung der Kinder bestimmen. Wenn wir die Psychose nicht brauchen würden, gäbe es sie nicht. Nicht weil Sie sich in ihr Leben eingemischt haben, haben Sie einen Anteil an ihrem Schicksal, sondern weil wir alle etwas davon haben, dass es Menschen wie Frau Rein gibt. Wir verleugnen das.
Die Unterhaltung endete hier. Der Doktor hatte noch Patienten, die auf ihn warteten.
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