3. Buch: Die soziale Ebene -> 14. Kapitel: Das erste Ende der Geschichte -> 97. Folge: Barbara und Robert

Deutungsebene ausblenden

Barbara und Robert

Erzählung

Barbara war nun 35 Jahre alt. Es war schon etwas her, dass sie eine eigene Wohnung bezogen hatte, in der sie auch einige Zeit ziemlich selbständig lebte. Aber sie war gezeichnet von den vielen Symptomen. Sie sah alt aus. Die Augen waren ohne Glanz, die Haut war blass. Das Haar zeigte schon graue Strähnen. Barbara kleidete sich inzwischen manchmal sehr nachlässig. Doch war sie nicht mehr so dürr wie früher, sondern hatte weibliche Rundungen bekommen. Das war eine Auswirkung der Medikamente, die sie nahm. Eine weitere Folge der Medikamente schien zu sein, dass sie Barbaras Apathie verstärkten. Die meiste Zeit lag sie auf ihrem Bett, sah selten fern, noch seltener hörte sie Musik. In den ersten Jahren las sie ab und zu einen Roman. Aber irgendwann hörte auch das auf. Ihre Mutter besuchte sie regelmäßig, der Vater und die Schwester kamen nie in ihre kleine Wohnung. Sie sahen Barbara, wenn sie anlässlich wichtiger Familienereignisse im Haus der Eltern war.

Es war Robert, der den Anstoß für die letzte Episode im Leben Barbaras gab. Inzwischen war er so etwas wie der Familienanwalt der Reins geworden. Die Länge der Bekanntschaft und die Anlässe der Beratung hatten aus dem Umgang eine gewisse Freundschaft werden lassen. Man hatte sich das eine oder andere Mal auch privat beim Abendessen gesehen. Einmal hatte ihn Frau Rein anlässlich einer zwangsweisen Unterbringung ihrer Tochter gebraucht. Die Mutter hielt die weitere Unterbringung nicht mehr für nötig, musste das aber gegen die Ärzte der Klinik durchsetzen.

Robert, der sich mit der Rechtsmaterie der Unterbringung nicht auskannte, half dennoch und sah bei dieser Gelegenheit Barbara nach langer Zeit wieder. Die Ärzte in der Klinik und das ganze Ambiente fand er wenig hilfreich für ein so verstörtes Wesen wie Barbara. Er war auch befremdet und etwas erschrocken über Barbara, wenn er sich das Bild des Mädchens, das er gekannt hatte, in Erinnerung rief. Aber es gelang ihm, mit der Mutter die Entlassung Barbaras durchzusetzen.

Einige Zeit später merkte Robert, dass ihn die Sache nicht los ließ. Es interessierte ihn, was mit Barbara war. Und da er keinen großen Respekt vor den Ärzten der Klinik gewonnen hatte, dachte er daran, einen Mann zu konsultieren, von dessen Fähigkeiten er eine gute Meinung hatte. Robert hatte in seinem Bekanntenkreis einen Psychiater, Dr. Kraus. Er kannte ihn nicht besonders gut, hatte ihn aber auf einer Gesellschaft über verschiedene Dinge sprechen hören. Bei dieser Gelegenheit war seine gute Meinung über Dr. Kraus entstanden. Überdies fand er ihn sympathisch.

Robert sprach Dr. Kraus an und fragte ihn, ob er sich nicht einmal Barbaras annehmen wollte. Dr. Kraus reagierte ebenso positiv wie zurückhaltend. Ja natürlich, er wolle gerne, aber sie müsse schon zu ihm kommen. Robert fragte Frau Rein, die nichts dagegen hatte.

Es war ein schwieriges Unterfangen. Er besuchte Barbara und schlug ihr vor, Dr. Kraus aufzusuchen. Barbara wunderte sich, warum sie gerade zu diesem Psychiater gehen sollte. Schließlich tat ihm Barbara den Gefallen, vielleicht auch, weil die Mutter den Vorschlag unterstützte. Es war dann schwierig herauszubekommen, was das Ergebnis der Besprechung zwischen Barbara und Dr. Kraus gewesen war. Es war ein langes Gespräch gewesen, und das Ergebnis war wohl, dass Barbara so weiter leben sollte wie bisher. Jedenfalls passierte nichts. Robert war enttäuscht.


______
<- 96. Folge: Der lustige Klaus