3. Buch: Die soziale Ebene -> 14. Kapitel: Das erste Ende der Geschichte -> 102. Folge: Gab es eine Alternative?
Deutungsebene ausblendenGab es eine Alternative?
Der Doktor hatte oft versucht, seine Gedanken dazu niederzuschreiben. Er dachte, es seinen Patienten und Kollegen schuldig zu sein, eine klare und nachvollziehbare Sache daraus zu machen. Aber das ist ihm nie gelungen. Irgendwann kam er immer in Begründungsnöte. Er kam nicht weiter oder verhedderte sich in Widersprüche.
Über Barbara wusste Kraus noch ziemlich gut Bescheid, obwohl es doch schon einige Jahre her war, dass sie bei ihm gewesen war. Er wusste, dass sie psychotisch war, dass sie früher die Gewohnheit hatte, sich zu schneiden. Er wusste von ihren Krankenhausaufenthalten, den Medikamenten und dass sie in ihrem ganzen Leben nie ein Funktionsniveau erreicht hatte, das sie sozial auch nur annähernd unabhängig gemacht hätte. Ihm war auch nicht verborgen geblieben, wie schwer es die Eltern miteinander hatten. Aber von der letzten Entwicklung wusste er nichts, davon musste ihm Robert erzählen.
Dr. Kraus setzte ihm die Sache so auseinander:
Es
genügt uns Menschen ja nicht, irgendwie zu leben. Wir
müssen in der Gesellschaft eine Rolle übernehmen,
die akzeptiert wird. Unsere Gesellschaft hält ein
Repertoire von Lebensformen bereit, aus denen wir
wählen können. Wir brauchen eine soziale Rolle,
weil wir anders keinen Ort in der Gesellschaft finden und
auch keine Identität ausbilden können. Frau Rein
(damit meinte er natürlich Barbara) hatte keine soziale
Rolle außerhalb ihrer Familie. Das definierte sie als
psychisch schwer krank oder behindert. Als sie den jungen
Mann kennen lernte, von dem Sie erzählt haben,
drängte sich ihr die Notwendigkeit auf, ein neues
Lebenskonzept zu entwickeln. Das vermute ich
jedenfalls.
Dr. Kraus machte eine Pause, fuhr dann fort:
Stellen Sie sich vor, die beiden hätten eine richtige
Partnerschaft entwickelt. Das hätte nicht notwendig
bedeutet, dass sie zusammengezogen oder berufstätig
gewesen wären. Aber es hätte bedeutet, dass Frau
Rein ihre Loyalitäten hätte ändern
müssen. Die Mutter wäre nicht mehr diejenige
gewesen, die bei ihr an erster Stelle gestanden hätte.
Sie hätte nach wie vor ein enges Verhältnis zu ihr
haben können. Das ist ja bei vielen Menschen so, dass
Vater oder Mutter einen großen Einfluss auch bei den
erwachsenen Kindern behalten. Aber es wäre eine
Verbindlichkeit zwischen ihr und dem jungen Mann - Rene
heißt er, sagten Sie? - entstanden, die die Mutter
ausgeschlossen hätte. Das gehört zu einer
Partnerschaft, wie schwierig sie sonst auch sein mag.
Übrigens wäre sie durch diesen Entwicklungsschritt
auch erwachsen geworden.
Noch mal machte er eine Pause und dachte nach. Robert
schwieg und wartete darauf, dass Dr. Kraus fortfuhr:
Diese Loyalität zu ändern, ist schwierig. Man
entlässt Mutter und Vater aus der Position, die
wichtigsten Menschen zu sein, und bindet sich statt dessen
an einen Mann oder eine Frau. Wieviel Schwierigkeiten das
auch reifen Menschen macht, erlebt man immer wieder in
Partnerschaften. Für Frau Rein wäre das die erste
Schwierigkeit gewesen. Die zweite Schwierigkeit wäre
gewesen, dass sie eine soziale Rolle hätte finden
müssen, und sei es auch nur die, eine alleinstehende
Frau zu sein. Aber das wäre immer noch etwas anderes,
als die behinderte Tochter einer Familie zu sein. - Ich
glaube, dass sie vor diesen Schwierigkeiten kapituliert hat,
aber auch nicht mehr in den alten Status zurück
wollte.
Ja gut, wandte Robert ein, aber
Barbara brauchte doch gar keine großen Pläne
für ihr Leben. Berufstätigkeit, Partnerbeziehung,
das wurde von ihr doch gar nicht verlangt. Sie hatte ihr
Auskommen, konnte darum doch frei entscheiden.
Genau
das konnte sie nicht, so Dr. Kraus.
So lange sie ihr
eingeschränktes Leben führte, waren ihr Selbstbild
und die soziale Situation, in der sie lebte, in relativer
Übereinstimmung. Sie war seelisch behindert, sie war
irgendwie anders, sie konnte vieles nicht, und die Menschen
um sie herum hatten das akzeptiert. Ich habe gerade
versucht, Ihnen zu erklären, dass das Selbstbild, eine
Behinderte zu sein, nicht ausreicht für eine
Partnerschaft. Für Selbstbild können Sie auch
Identität sagen.
Okay, okay. Robert
hatte einen Gedanken:
Aber man entwickelt doch sein
Selbstbild nicht abstrakt und handelt dann danach, sondern
durch die Praxis entwickelt sich das Selbstbild. Wenn ich
erfolgreiche Verhandlungen führe, dann bestärkt es
mich darin, dass ich ein guter Anwalt bin. So ging es doch
auch Barbara. Sie hat doch wahrscheinlich durch die
Beziehung zu dem Rene eine gewisse Entwicklung gemacht. Sie
hat gemerkt, dass sie mit anderen Menschen klar kommen kann.
Sie ging selbständig einkaufen. Sie hat sich
hübscher gekleidet. Das bildet doch das Selbstbild.
Warum hat sie nicht einfach weitergemacht, sondern sich dann
umgebracht, als sie schließlich gesünder
wurde?
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