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Gab es eine Alternative?

Erzählung

Der Doktor hatte oft versucht, seine Gedanken dazu niederzuschreiben. Er dachte, es seinen Patienten und Kollegen schuldig zu sein, eine klare und nachvollziehbare Sache daraus zu machen. Aber das ist ihm nie gelungen. Irgendwann kam er immer in Begründungsnöte. Er kam nicht weiter oder verhedderte sich in Widersprüche.

Über Barbara wusste Kraus noch ziemlich gut Bescheid, obwohl es doch schon einige Jahre her war, dass sie bei ihm gewesen war. Er wusste, dass sie psychotisch war, dass sie früher die Gewohnheit hatte, sich zu schneiden. Er wusste von ihren Krankenhausaufenthalten, den Medikamenten und dass sie in ihrem ganzen Leben nie ein Funktionsniveau erreicht hatte, das sie sozial auch nur annähernd unabhängig gemacht hätte. Ihm war auch nicht verborgen geblieben, wie schwer es die Eltern miteinander hatten. Aber von der letzten Entwicklung wusste er nichts, davon musste ihm Robert erzählen.

Dr. Kraus setzte ihm die Sache so auseinander:
Es genügt uns Menschen ja nicht, irgendwie zu leben. Wir müssen in der Gesellschaft eine Rolle übernehmen, die akzeptiert wird. Unsere Gesellschaft hält ein Repertoire von Lebensformen bereit, aus denen wir wählen können. Wir brauchen eine soziale Rolle, weil wir anders keinen Ort in der Gesellschaft finden und auch keine Identität ausbilden können. Frau Rein (damit meinte er natürlich Barbara) hatte keine soziale Rolle außerhalb ihrer Familie. Das definierte sie als psychisch schwer krank oder behindert. Als sie den jungen Mann kennen lernte, von dem Sie erzählt haben, drängte sich ihr die Notwendigkeit auf, ein neues Lebenskonzept zu entwickeln. Das vermute ich jedenfalls.

Dr. Kraus machte eine Pause, fuhr dann fort:
Stellen Sie sich vor, die beiden hätten eine richtige Partnerschaft entwickelt. Das hätte nicht notwendig bedeutet, dass sie zusammengezogen oder berufstätig gewesen wären. Aber es hätte bedeutet, dass Frau Rein ihre Loyalitäten hätte ändern müssen. Die Mutter wäre nicht mehr diejenige gewesen, die bei ihr an erster Stelle gestanden hätte. Sie hätte nach wie vor ein enges Verhältnis zu ihr haben können. Das ist ja bei vielen Menschen so, dass Vater oder Mutter einen großen Einfluss auch bei den erwachsenen Kindern behalten. Aber es wäre eine Verbindlichkeit zwischen ihr und dem jungen Mann - Rene heißt er, sagten Sie? - entstanden, die die Mutter ausgeschlossen hätte. Das gehört zu einer Partnerschaft, wie schwierig sie sonst auch sein mag. Übrigens wäre sie durch diesen Entwicklungsschritt auch erwachsen geworden.

Noch mal machte er eine Pause und dachte nach. Robert schwieg und wartete darauf, dass Dr. Kraus fortfuhr:
Diese Loyalität zu ändern, ist schwierig. Man entlässt Mutter und Vater aus der Position, die wichtigsten Menschen zu sein, und bindet sich statt dessen an einen Mann oder eine Frau. Wieviel Schwierigkeiten das auch reifen Menschen macht, erlebt man immer wieder in Partnerschaften. Für Frau Rein wäre das die erste Schwierigkeit gewesen. Die zweite Schwierigkeit wäre gewesen, dass sie eine soziale Rolle hätte finden müssen, und sei es auch nur die, eine alleinstehende Frau zu sein. Aber das wäre immer noch etwas anderes, als die behinderte Tochter einer Familie zu sein. - Ich glaube, dass sie vor diesen Schwierigkeiten kapituliert hat, aber auch nicht mehr in den alten Status zurück wollte.
 
Ja gut, wandte Robert ein, aber Barbara brauchte doch gar keine großen Pläne für ihr Leben. Berufstätigkeit, Partnerbeziehung, das wurde von ihr doch gar nicht verlangt. Sie hatte ihr Auskommen, konnte darum doch frei entscheiden.
Genau das konnte sie nicht, so Dr. Kraus.
So lange sie ihr eingeschränktes Leben führte, waren ihr Selbstbild und die soziale Situation, in der sie lebte, in relativer Übereinstimmung. Sie war seelisch behindert, sie war irgendwie anders, sie konnte vieles nicht, und die Menschen um sie herum hatten das akzeptiert. Ich habe gerade versucht, Ihnen zu erklären, dass das Selbstbild, eine Behinderte zu sein, nicht ausreicht für eine Partnerschaft. Für Selbstbild können Sie auch Identität sagen.
 
Okay, okay. Robert hatte einen Gedanken:
Aber man entwickelt doch sein Selbstbild nicht abstrakt und handelt dann danach, sondern durch die Praxis entwickelt sich das Selbstbild. Wenn ich erfolgreiche Verhandlungen führe, dann bestärkt es mich darin, dass ich ein guter Anwalt bin. So ging es doch auch Barbara. Sie hat doch wahrscheinlich durch die Beziehung zu dem Rene eine gewisse Entwicklung gemacht. Sie hat gemerkt, dass sie mit anderen Menschen klar kommen kann. Sie ging selbständig einkaufen. Sie hat sich hübscher gekleidet. Das bildet doch das Selbstbild. Warum hat sie nicht einfach weitergemacht, sondern sich dann umgebracht, als sie schließlich gesünder wurde?

 


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