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Cornelias Glück

Erzählung

An ihre Tante Barbara hatte Julia keine Erinnerung mehr, obwohl sie sie noch gekannt hatte. Nachdem Barbara tot war, wurde über sie geschwiegen. Besonders Ursula Rein sprach niemals von  ihrer ältesten Tochter.

Der Tod von Lothar Rein war ein Verlust für die Kleine, besonders jetzt nach der Scheidung der Eltern. Aber während die Menschen am Grab mit der Vergangenheit von Lothar Rein beschäftigt waren, dachte sie über die Zukunft nach. Sie hörte den Mann am Grab sprechen und dachte, dass sei der Tod, der den Opa mitnahm; denn er hatte ja schwarze Sachen an. Dann sprach er vom Himmel, in dem der Opa leben würde. Der Himmel war oben, aber das Grab war unten.
Wie kommt man in den Himmel, wenn man in das Loch geht?
Das würde sie gleich ihre Mama fragen. Und:
Warum ist der schwarze Mann  nicht mitgegangen?
Einfacher war es, sie stellte sich vor, dass der Opa nun da unten mit der Tante Barbara zusammen lag. Der Opa war nicht allein in der kalten Erde. Es war ein sonniger Tag. Da konnte man sich hier wohl fühlen. Gleich, wenn alle Menschen gegangen sein würden, würde wieder Ruhe sein. Es war bestimmt auch für die Tante Barbara besser, dass sie nun nicht mehr allein war. Das Wetter ist ja nicht immer so schön. Wenn es kalt ist, wenn es regnet und stürmt, dann ist es besser, man kann sich aneinander kuscheln. Und nachts brauchte sie sich jetzt auch nicht mehr zu fürchten.

Nach der Beerdigung hatte Ursula Rein sehr schnell das Zimmer ihres Mannes aufgeräumt. In der Schublade des Nachttischchens fand sie viel Kram, Zettel, Taschentücher, Medikamente, ein Nageletui und einen Kugelschreiber. Unter anderem fand sie dort ein ziemlich altes Foto von sich. Es musste kurz nach der Geburt von Barbara entstanden sein. Sie war noch sehr jung auf dem Bild und sie machte einen fröhlichen Eindruck. Auf der Rückseite des Fotos stand ihr Name. Der Schrift nach zu urteilen, musste es ihr Mann nach dem ersten Schlaganfall geschrieben haben.

Barbara war ohne Kinder geblieben. Es waren die Kinder von Cornelia, Julia und ihr Sohn Jan, die das Leben fortsetzten. Cornelia kämpfte bei der Scheidung nicht um die Kinder - und das erwies sich als Vorteil. Da sie nicht kämpfte, verwandte ihr Mann auch nicht viel Kraft darauf, etwas zu fordern. Nach der Trennung wollte er die Kinder zwar oft sehen, aber nicht haben. Schließlich vergaß er sie fast. Wie es Cornelias Art war, nahm sie es hin. Sie verdiente ihr Geld und, da es nicht viel war, musste sie sich sehr einschränken. Aber sie blieb unabhängig. Ansonsten hatte sie, wie immer, den Schmerz aufgesogen, den ihr Mann empfand, weil seine Ehe gescheitert war, die Peinlichkeit, mit der es Ursula Rein aufnahm, und die Trauer der Kinder. Davon lebte sie.

An der Schwelle zum Alter fand Cornelia einen Mann, der ihre selbstlose Art zu schätzen wusste. Sie wurde richtig glücklich. Das Drama der Jugend um Leidenschaft und Selbstbezogenheit, das mit wechselnden Besetzungen immer neu gespielt wird, war für sie nie interessant gewesen, für ihren neuen Mann langweilig geworden. Sie war gesund, ihr neuer Mann war rüstig und ermunterte sie, sich mit ihm in der Welt umzusehen.

Ihr Sohn Jan war etwas bieder geraten, aber seine grundsolide Art war die Basis für das Gedeihen seiner vielköpfigen Familie und der Geschäfte. Die Tochter Julia war als Photographin erfolgreich. Und da sie eine attraktive Frau war, mangelte es ihr nicht an Verehrern, womit sie wett machte, dass sie zu einer stabilen Beziehung nicht in der Lage war.

An ihren Großvater blieb ihr eine dunkle, angenehme Erinnerung. Mit ihrer Großmutter hatte sie länger zu tun, da sie ziemlich alt wurde. Doch blieb ihr diese Frau fremd, und sie hat nie verstanden, warum der in ihrer Erinnerung so gutmütige Großvater die kauzige Großmutter geheiratet hatte.


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<- 71. Folge: Beerdigung