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Beerdigung

Erzählung

Unter den Trauergästen der Beerdigung, Mitarbeiter der alten Firma, Nachbarn und Bekannte der Familie Rein, war auch Robert mit seiner Frau. Auch Robert war inzwischen ein alter Mann. Er arbeitete noch ziemlich intensiv und weigerte sich so gut es ging, in seiner Lebensführung Zugeständnisse an das Alter zu machen. Aber es half nichts, er war dem Tod schon so nahe gerückt, dass er nur noch die Dinge seines Lebens abschließen konnte. Das Neue war Sache der Jungen. Jetzt, als sie den alten Freund Lothar Rein zu Grabe trugen, war es ihm wieder schmerzlich bewusst.

Lothar Rein wurde bei seiner Tochter beerdigt. Es war ein alter Friedhof, weiträumig angelegt, mit großen Bäumen. Das Grab von Barbara, zu dem sich der Trauerzug bewegte, lag versteckt zwischen Hecken und Büschen. Es war dort Platz genug für die ganze Familie. Aber Barbara war bislang die einzige und da sie einen kleinen Grabstein hatte und nur Efeu und etwas Erika auf ihrem Grab wuchsen, konnte man das Grab kaum erkennen. Barbara hatte ein ruhiges Eckchen. Wie früher auf dem Kinderspielplatz hatte Ursula Rein oft auf der Bank davor gesessen. Ihr alter Groll war weg. Barbara war ihr wieder nahe. Sie fühlte wie in alten Zeiten, wenn das Kind auf sie zugerannt kam. Dann jauchzte die Kleine und Ursula Rein war glücklich. Oder sie hatte sich weh getan und fand Trost in den Armen der Mutter. Ursula Rein wusste, dass auch Barbara die Stille des Ortes liebte.

Heute war eine Grube ausgehoben, es gab Blumen, Kränze und den  Erdhügel. Als der Sarg in die Grube gelassen wurde, als Lothar Rein neben seine Tochter gebettet wurde, empfand Ursula Rein keine Eifersucht. Die Eifersucht hatte ihr früher das Leben so oft vergällt. Jetzt war es in Ordnung so, dass die beiden beieinander lagen und miteinander reden konnten. Sie stand vor dem offenen Grab. Die Menschen um sie herum hatten einige Meter um die Witwe frei gelassen. Ursula Rein glaubte nicht an das, was der Pfarrer  sprach. Aber seine Worte machten sie ruhiger. Es war der Glaube ihrer Kindheit. Sie dachte an ihren eigenen Tod.
Die beiden werden dann etwas zusammenrücken müssen, dachte sie, fast ein wenig belustigt.

Da bist du ja endlich, wird ihr Mann zu ihr sagen.
Und es wird nicht, wie früher so oft, gehässig klingen, sondern ein Seufzer der Erleichterung sein. Sie sah weit hinaus in die zeitlose Zukunft der Toten. Sie und ihr Mann und Barbara, Seelen, die sich am Horizont der Zeit ineinander aufgelöst hatten.

Einige Schritte hinter ihr stand Cornelia mit den Kindern. Sie war vor kurzem geschieden worden. Ihre Tochter Julia war gerade 5 Jahre alt. Als ganz kleines Mädchen war Julia auf den Opa zugegangen, und der war ganz überrascht gewesen. Es gab keine Verpflichtungen und keine Vorschriften, die ihm irgend jemand im Umgang mit dem Kind machte, und so hatte sich, vielleicht das erste Mal in seinem Leben, sichtbare Zärtlichkeit bei ihm entwickelt. Er hing an dem Kind, und die Kleine spürte das und hing an ihrem Opa, obwohl sie ihn nicht oft sah; denn ihre Mutter ging ja nicht oft in das Haus der Eltern.


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