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Phantasien

Erzählung

Lothar Rein nahm die Treppe mit Schwung.
Wenn sie Krieg will, dann kämpfen wir. Hat doch gesagt: Es ist Krieg. Er war etwas fülliger geworden, Sport nicht seine Sache. Er keuchte. Aber er war doch noch jung genug.
Guten Morgen, hörte er einen jungen Mann neben sich sagen. Er grüßte zurück. Sah den langen Flur des Gebäudes entlang. Da hinten war sein Büro, ein großes Büro mit 2 Vorräumen. In der Zeitung hatte er gelesen, dass Frauen nach wie vor älter werden als Männer und dass sie in einem orientalischen Land eine Frau gesteinigt hatten. Sie graben die Frau bis über die Taille in den Boden, fesseln die Hände auf dem Rücken. Dann werfen die Männer Steine. Wie wohl so ein Frauenkopf aussieht, nachher? Er verscheuchte die Gedanken an den Frauenkopf, an sie, an das Zuhause, an den Stellungskrieg. Hier war er doch Feldherr, der die Schlachten längst geschlagen hat, meistens siegreich. Er grüßte gut gelaunt zurück.

Diese Phantasie von der gesteinigten Frau ist auch Ausdruck eines Wunsches. Lothar will seine Frau steinigen. So denkt er davor auch an den Krieg zwischen seiner Frau und ihm. Würde man ihn befragen, so würde er wahrscheinlich sagen, nein, eine Phantasie von einer Steinigung habe er nicht gehabt. Nicht weil er lügen wollte, sondern weil er die Phantasie sogleich wieder verdrängt hatte.

Die Sekretärin nahm ihm Tasche und Mantel ab. Er setzte sich.  Eine Tasse Kaffee wurde ihm gebracht. Sein Assistent stand auf der Schwelle. Der Tagesplan. Zwei lange Konferenzen heute. Das erste eine Routinebesprechung mit den Mitarbeitern seiner Abteilung, von den Gruppenleitern aufwärts, personelle Besetzung, Zuständigkeiten, Fortgang der neuen Projekte. Dann eine Besprechung mit einer Lieferfirma zur Abgleichung von Terminen und Zuständigkeiten, auch Routine, auch nicht besonders wichtig. Aber er konnte nicht fehlen. Er musste die Details wissen. Die Unterschriftenmappen werden voll sein. Das Telefon läutete immer neu. Die Stimme der Sekretärin mal freundlich, mal weniger freundlich. Es war Hektik. Akten lagen dort, waren zu lesen. Gesprächstermine mit Mitarbeiter gab es auch. Zwischendurch wählte er den Speiseplan für das Mittagessen und die Sekretärin gab es weiter: Suppe, Lasagne, Bayerische Creme. 

Meistens hatte sie früher zum Abendessen eine Kerze auf dem Tisch. Er erzählte von seiner Arbeit. Damals war er ja noch im unteren Management. Schlanker war er damals auch, hatte  mehr Haare auf dem Kopf. Sie hörte zu.
Schmeckt es dir? Er erinnerte sich an diese Frage.
Natürlich, es schmeckt sehr gut, hatte er geantwortet.
Warum natürlich? hatte sie oft gefragt. Am Anfang lachend, später bissig. Er dachte darüber nach.
Wenn er wollte, konnte er ein bis zwei Mal die Woche mit ihr schlafen. Damals. Er musste nur auf ihre Seite des Bettes rücken und sie umarmen. Entweder sagte sie:
Heute nicht, oder sie sagte es nicht. Dann streichelte er sie, zog sie aus oder streifte ihr Nachthemd hoch.


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