2. Buch: Die familiäre Ebene -> 8. Kapitel: Karriere -> 56. Folge: Phantasien
Deutungsebene ausblendenPhantasien
Lothar Rein nahm die Treppe mit Schwung.
Wenn sie
Krieg will, dann kämpfen wir. Hat doch gesagt: Es ist
Krieg. Er war etwas fülliger geworden, Sport nicht
seine Sache. Er keuchte. Aber er war doch noch jung
genug.
Guten Morgen, hörte er einen jungen Mann
neben sich sagen. Er grüßte zurück. Sah den
langen Flur des Gebäudes entlang. Da hinten war sein
Büro, ein großes Büro mit 2 Vorräumen.
In der Zeitung hatte er gelesen, dass Frauen nach wie vor
älter werden als Männer und dass sie in einem
orientalischen Land eine Frau gesteinigt hatten. Sie graben
die Frau bis über die Taille in den Boden, fesseln die
Hände auf dem Rücken. Dann werfen die Männer
Steine. Wie wohl so ein Frauenkopf aussieht, nachher? Er
verscheuchte die Gedanken an den Frauenkopf, an sie, an das
Zuhause, an den Stellungskrieg. Hier war er doch Feldherr,
der die Schlachten längst geschlagen hat, meistens
siegreich. Er grüßte gut gelaunt
zurück.
Diese Phantasie von der gesteinigten Frau ist auch Ausdruck eines Wunsches. Lothar will seine Frau steinigen. So denkt er davor auch an den Krieg zwischen seiner Frau und ihm. Würde man ihn befragen, so würde er wahrscheinlich sagen, nein, eine Phantasie von einer Steinigung habe er nicht gehabt. Nicht weil er lügen wollte, sondern weil er die Phantasie sogleich wieder verdrängt hatte.
Die Sekretärin nahm ihm Tasche und Mantel ab. Er setzte sich. Eine Tasse Kaffee wurde ihm gebracht. Sein Assistent stand auf der Schwelle. Der Tagesplan. Zwei lange Konferenzen heute. Das erste eine Routinebesprechung mit den Mitarbeitern seiner Abteilung, von den Gruppenleitern aufwärts, personelle Besetzung, Zuständigkeiten, Fortgang der neuen Projekte. Dann eine Besprechung mit einer Lieferfirma zur Abgleichung von Terminen und Zuständigkeiten, auch Routine, auch nicht besonders wichtig. Aber er konnte nicht fehlen. Er musste die Details wissen. Die Unterschriftenmappen werden voll sein. Das Telefon läutete immer neu. Die Stimme der Sekretärin mal freundlich, mal weniger freundlich. Es war Hektik. Akten lagen dort, waren zu lesen. Gesprächstermine mit Mitarbeiter gab es auch. Zwischendurch wählte er den Speiseplan für das Mittagessen und die Sekretärin gab es weiter: Suppe, Lasagne, Bayerische Creme.
Meistens hatte sie früher zum Abendessen eine
Kerze auf dem Tisch. Er erzählte von seiner Arbeit.
Damals war er ja noch im unteren Management. Schlanker war
er damals auch, hatte mehr Haare auf dem Kopf. Sie
hörte zu.
Schmeckt es dir? Er erinnerte sich an
diese Frage.
Natürlich, es schmeckt sehr gut,
hatte er geantwortet.
Warum natürlich? hatte sie
oft gefragt. Am Anfang lachend, später bissig. Er
dachte darüber nach.
Wenn er wollte, konnte er
ein bis zwei Mal die Woche mit ihr schlafen. Damals. Er
musste nur auf ihre Seite des Bettes rücken und sie
umarmen. Entweder sagte sie:
Heute nicht, oder sie
sagte es nicht. Dann streichelte er sie, zog sie aus oder
streifte ihr Nachthemd hoch.
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