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Arbeitswelt

Erzählung


Guten Morgen, meine Herren!
Damen, sind keine hier, bis auf Frau Weiß. Die ist keine Dame, die ist Mutti. Schade. Wäre amüsanter als diese Karrieristen. Der Meier hat wohl wieder gesoffen. Schläft bestimmt gleich ein. Was dem seine Frau sagt? Mein Gott, Mutter sein reicht doch nicht. Traut sich nicht mal fremd zu gehen. Noch ein paar Jahre und sie ist zu. Er schaute auf Frau Weiß und ihren großen Busen. Sein Herz tat ihm weh.

Es war eine lange Sitzung, in der minutiös die Tagungsordnungspunkte aufgerufen, diskutiert und abgehakt wurden. Die Feinabstimmung des Geschäftsverteilungsplanes. Herr Ritter sollte in Zukunft nicht nur die Planung der Marketingstrategie vorbereiten, sondern sich auch aktiv darum kümmern, welche Produkte im Werk hergestellt werden können. Aus diese Weise wurde der produktive Sektor gestärkt und die Verkaufsstrategen gezwungen, ihre Pläne an den Produkten auszurichten und nicht umgekehrt. Er war konzentriert und gestattete sich keine Abschweifungen. Geraucht wurde nicht, weil er es nicht mochte. Von 10 Uhr bis 12 dauerte die Sitzung. Selbst zum Klo ging keiner. Kann man doch auch mal 2 Stunden aufschieben. Erst zum Schluss gestattete er sich einige Freiheiten.
Dieser Kotzbühl dahinten, nee, Kotzebue. Ob die Frau immer noch auf’n Strich geht? Gefährlich wird der mir nicht mehr.

Ein Anruf des Justitiars wegen Mietverträge, Netzwerkfragen mit dem EDV Experten, tägliche Produktionslisten, immer wieder der Assistent.
Wie viele Mails der heute Vormittag gelesen hat? Macht es aber gut. Produktionsprobleme, Zulieferung, Personal, Kostenfaktor, Lagerung, Maschinenbruch, Telefon mit Kollegen, Zinsentwicklung, Telefonat mit Breuer.

Endlich Mittagessen. Heute allein. Hat man seine Ruhe. Er ist doch wer. Die Suppe. Nach Einkommen und Tätigkeit und Einfluss gehört er zu den Leuten, die zählen. Warum will sie es nicht verstehen? Lasagne. Gleich noch einmal eine Konferenz. Haben hier einen guten Koch. Da kann man auch einfach nur zuhören, die anderen arbeiten. Das bisschen Hausarbeit, mit Putzhilfe, Wäsche geht raus, Gartenarbeit macht die Firma, Fensterputzer kommt auch. Bayerische Creme. Kaffee.

Sie sieht immer noch so gut aus. Im Abendkleid macht sie eine tolle Figur, ist dann auch charmant zu ihm. So eine Gala, ist ja mal ganz schön, aber passt nicht ins Leben. Ist was für die, die nichts mit sich anzufangen wissen, die Reichen und die Berühmten. War wirklich High Society, merkte man an den Fotos in der Yellow Press, eine Woche später. Sie wusste es natürlich vorher. Frauen wissen so was immer. Es gab auch ein Bild von ihm mit seiner Frau.

War aber ganz amüsant gewesen, der Abend. Aber zu dieser Sorte Mensch gehört er nicht, will er auch gar nicht. Könnte öfter auf solche Veranstaltungen gehen. Komische Menschen, diese Promis. Die haben keine missratene Tochter, die brauchen sich keine Sorgen zu machen. Vielleicht haben sie doch eine, haben es nur noch nicht gemerkt. Die sind nur sie selbst. Vater, was der wohl denkt? Die Mutter wird die Bilder in einer Illustrierten entdecken, er mit Frau.

Diese Promis sind nur sie selbst. Er ist mehr, hat sie und die missratene Tochter. Er empfand eine gewisse Genugtuung über die „missratene Tochter“. Die sind nur da, damit sie eben da sind, verbrennen im Feuer der Öffentlichkeit. Wenn der Sonnenkönig die Königin fickte, guckte der Hofstaat zu. 

Lothar Rein hat mit seiner Frau geschlafen, weil er scharf auf sie war. Er zankte mit ihr, verachtete sie und sehnte sich nach ihrer Liebe, weil er nicht anders konnte, weil er dadurch lebte. Diese Gefühle entstanden in ihm, weil es die Natur so wollte, weil die Situation so war, und weil seine Lebensgeschichte ihn so geprägt hatte, dass er auf bestimmte Situationen mit bestimmten Gefühlen reagierte. Das Leben in der Familie war bestimmt von Gefühlen, und die wurden von ihm, seiner Frau und den Kindern gemacht.

In seinem Arbeitsleben wurde nicht nach seinen Gefühlen gefragt. Hier orientierte er sich an Sachfragen, und alle Beziehungsprobleme hatten sich an den Sachfragen zu orientieren. Die Arbeitswelt repräsentierte die Wirklichkeit. Das gab ihm Sicherheit

Barbara, die hatte nur Gefühle, die sie nicht in Handlungen umsetzen konnte, die sinnvoll auf die Wirklichkeit bezogen gewesen wären. Sie konnte nur innerhalb der Familie handeln, was nur neue heftige Gefühle produzierte. Ihre einzige Möglichkeit, die Gefühle los zu werden, war, sie in Symptome zu verwandeln. Man kann darum auch sagen, dass ihre Symptome der Versuch waren, eine eigene Wirklichkeit ohne Bezug auf die außerfamiliäre Realität zu schaffen.

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