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Hochzeit

Erzählung

Lothar Rein warb lange Zeit um Ursula. Erst war sie eine Freundin, dann seine Freundin, schließlich ließ sie es zu, dass er von Heirat sprach, und dann willigte sie ein. Auch dann noch zögerte sie die Hochzeit hinaus. Aber endlich wurde der Hochzeitstermin festgelegt.

In diesem Zögern verrät sich Ambivalenz. Es war also doch ein Bedenken in ihr.

Die Hochzeit wurde mit Aufwand gefeiert. Ursula Ruge, nun Ursula Rein, gab eine schöne Braut ab, und Lothar war stolz darauf. Ursula wirkte selbstbewusst, und die Mitgift konnte sich sehen lassen. Sie hatte das Leben noch vor sich.

Die Hochzeit wurde groß gefeiert. Lothar hatte seine Bundesbrüder eingeladen. Darin kamen sich seine Eltern, einfache Leute, ziemlich verloren vor. Der Vater erzählte seinen Tischnachbarn davon, wie er seine kleine Barkasse durch den großen Hafen bugsierte, das war nämlich sein Beruf. Er wollte unter all den akademischen Leuten mit seinen Geschichten Gespräche vermeiden, die er nicht verstanden hätte. Die Eltern von Ursula waren Kaufleute. Der Vater führte das große Wort und Ursula hing an seinen Lippen.

Für den Abend der Hochzeit war die Abfahrt des Brautpaares vorgesehen. Die beiden zogen sich um und setzten sich ins Auto. Begleitet von den anzüglichen Bemerkungen der Gäste fuhren sie ab. Ziel war Italien. Erste Station sollte ein romantisches Schlosshotel sein, gut eine Autostunde entfernt. Ursula Rein hatte es ausgesucht, vor Monaten schon. Nach einer halben Stunde Fahrt gab es eine Umleitung, die übers Land führte. Lothar war aufgeregt. Es war die Hochzeitsnacht. Ursula nickte immer wieder beim Fahren ein.
Ich bin so müde. In den letzten Tagen hatte ich so viel zu tun für die Hochzeit und heute war es auch so anstrengend, erklärte sie.
Lothar verfuhr sich. Sie landeten irgendwo im Wald. Eine genaue Karte hatten sie nicht bei sich. Handys gab es noch nicht, und Bauern gehen früh zu Bett. Also fuhren sie aufs Geratewohl in die nächste Kleinstadt, wo es ein Telefon gab. Die Adresse des Hotels hatte Ursula Gott sei dank bei sich.

Als sie ankamen, lag alles im Dunkel. Der Bedienstete, mit dem sie telefoniert hatten, machte ihnen auf.
Es tut mir leid. Die Heizung funktioniert nicht. Wir sind mitten in der Renovierung. Möchten Sie eine Wärmflasche für das Bett? fragte er.
Ursula, die mit ihrer Stimmung schon in der Nähe des Gefrierpunktes war, bat um zwei. Zu essen gab es auch nichts mehr. Das machte ihnen allerdings nichts aus, gegessen hatten sie ja bestens auf der Hochzeitsfeier. Ob er Champagner hätte oder wenigstens Sekt oder, wenn auch das nicht, vielleicht eine Flasche Wein, fragte Lothar.
Sorry, der Weinkeller ist abgeschlossen. Aber Bier habe ich, warten Sie mal. Er ging in die Küche.
Ja, ist noch eine Büchse da.
Lothar hatte den ganzen Tag nicht getrunken, weil er ja noch fahren musste. ”Schlosshotel” hatte seine frisch Angetraute ihm gesagt. Aber eine Hochzeitsnacht mit Bier?

Lothar ließ seine Frau als erste ins Bad.
Kein warmes Wasser!
Er holte Wasser in einem großen Topf, das auf dem Herd der Küche zum Kochen gebracht worden war. Fröstelnd huschte Ursula ins Bett, das von den zwei Wärmflaschen vorgewärmt war. Lothar ging ins Bad, wusch sich kalt und putzte sich die Zähne. Er strich sich übers Kinn und beschloss, sich zu rasieren. Im Pyjama, den ihm seine Frau liebevoll zurecht gelegt hatte, kam er ins Bett, zu Frau und Wärmflaschen. - Das Bett quietschte. Ein paar Mal verrutschte die Bettdecke.
Mir ist kalt, sagte Ursula.

Jeder der beiden fühlt sich für die Situation verantwortlich, aber kann sich nicht eingestehen, dass er einen Fehler gemacht hat. Wenn sie das könnten, dann könnten sie auch gemeinsam fluchen oder darüber lachen und müssten nicht denken, dass der andere einem Vorwürfe macht.

Noch haben sich beide bemüht, die Pannen nicht tragisch zu nehmen. Aber das kann nicht lange gut gehen, weil sich die Frustrationen häufen werden. Entweder sie lernen, dass sie öfter Fehler machen; dann können sie dem anderen verzeihen, weil sie selbst auch Nachsicht brauchen. Oder sie werden die eigenen Schuldgefühle auf den anderen projizieren. Dann kommt heraus, dass sie den anderen für ihr Unglück verantwortlich machen, weil sie sich selbst für alles verantwortlich fühlen.

Als Ursula und Lothar Rein am Morgen aufwachten, war es immer noch ziemlich kalt. Aber der schöne Blick nach draußen in die Frühlingslandschaft und die Pracht des Zimmers, die sie am Abend nicht richtig wahrgenommen hatten, entschädigten sie. Das Frühstück war fürstlich, und mit einem Heizöfchen wurde es auch warm. Über die Hochzeitsnacht sprachen sie nicht, weder an diesem Morgen noch später. Tief in ihren Herzen machte sich Enttäuschung breit. Sie verübelten einander die Missgeschicke dieser Nacht. Improvisation, Romantik oder Humor lag ihnen fern. Aber das merkten sie noch nicht. Sie waren erleichtert, als es in den folgenden Flitterwochen annehmlicher wurde. Mit dem Wetter, dem Hotel und den Menschen in Italien waren beide zufrieden.

Sie fragten sich nicht, ob sie mit sich selbst oder dem Partner zufrieden waren. Aber wie hätte auch ihre Antwort aussehen können?

 


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