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Die Eltern

Erzählung

Ursula Ruge, später Rein, war ein blondes, zierliches Mädchen. Sie war hübsch, hatte Charme und fiel in der Öffentlichkeit durch ihre lustige Art auf. Als Studentin sah man sie meist in Gesellschaft ihrer Freundinnen. Keine dieser Freundschaften hat die Jahre überdauert.

Was etwas über die Art dieser Freundschaften sagt.

Ursula Ruge genoss die Freiheiten des Studentenlebens, blieb aber, was ihre Liebschaften betraf, zurückhaltend. Sie hielt ihre Verehrer in der Regel so freundlich auf Distanz, dass sie die Beziehung zu ihr nicht abbrachen. Im übrigen war sie eine fleißige und erfolgreiche Studentin. - Das war das Bild, das Ursula Ruge von sich erzeugte. Vielleicht war es auch nur das Bild, das Lothar Rein von ihr hatte. Dass sie eine Hautkrankheit hatte und oft niedergeschlagen und schlecht gelaunt war, wenn sie allein war, das wusste er nicht. So wie Ursula Ruge war und so wie sie sich nach außen präsentierte, das war nicht dasselbe. Was sie in der Öffentlichkeit präsentierte, war, wie sie sein wollte. Es war auch geleitet von einem Zweck, nämlich beliebt zu sein und einen für sie attraktiven Mann für sich zu gewinnen.

Aber das war ihr nicht bewusst. Sie hat sich nicht getraut, sich so zu geben, wie sie wirklich war, weil sie vieles an sich für schlecht hielt, was ihr aber auch nicht bewusst war.

Lothar Rein war eher ein Einzelgänger. Das Alleinsein entsprach seinem Wunsch, doch spürte er auch, dass er auf diese Weise keine Karriere würde machen können. Er war ehrgeizig. Also ging er in eine studentische Verbindung, wo er sich mit Eifer engagierte, und da er aufrichtig höflich und bescheiden war, wurde er bald geschätzt. Allerdings gab es niemanden, der sich als sein Freund betrachtet hätte. Man hatte ihn gern, aber er stand keinem nahe.

Nähe zu Menschen machte ihm Angst, also wich er ihr aus. Nähe schließt ein, sein Wesen offen zu legen. Das konnte Lothar so wenig wie seine spätere Frau, weil auch er nicht die Sicherheit hatte, so wie er war, ausreichend gut zu sein.

Lothar hatte lange keine Freundin, obwohl er sich für Frauen interessierte. Lothar Rein wollte eines Tages heiraten und Kinder haben. Aber um eine Familie zu gründen, musste er in der Lage sein, sie zu ernähren. Er wartete, bis er nach Abschluss seines Studiums die ersten Erfolge in der neuen Firma verbuchen konnte. Er war nun Ende Zwanzig und hielt die Augen offen, um zuzupacken, wenn ihm die Rechte begegnete. Schön sollte sie schon sein, freundlich und gebildet. So fiel seine Wahl auf Ursula Ruge, die er über einen Verbindungsbruder bzw. dessen Freundin kennen lernte.


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