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Yilmaz

Erzählung

Im Hause der Reins gab es noch einen Menschen, der aber von den anderen eher wie eine Unperson behandelt wurde, nämlich die türkische Putzfrau Yilmaz. Man war freundlich zu ihr, bezahlte sie gut und schätzte ihre Arbeit. Darum kam sie schon seit vielen Jahren. Aber sie war für die Menschen im Hause nicht ein Wesen mit einem Lebenshorizont, mit Sorgen und Erwartungen. Sie war eher ein Teil des Inventars, wenn auch ein kostbares Stück. Nur Cornelia machte da eine Ausnahme. Sie hatte irgendwann zur Kenntnis genommen, dass Yilmaz auch Probleme mit ihrem Mann hatte, dass ihr die beiden Kinder, ein Junge und ein Mädchen öfter Sorgen machten. So kam es, dass Cornelia die einzige war, der Yilmaz schon mal davon erzählte. Cornelia war auch die einzige, die fragte und  die mitbekam, dass die Tochter eine Ausbildung als Arzthelferin machte und dass der Sohn nach einer schwierigen Phase, in der er sich herumtrieb, schließlich doch sein Fachabitur machte und dann Maschinenbau studierte.

Der Lohn für das Interesse von Cornelia war, dass Yilmaz sie wie eine Tochter liebte. Als Cornelia heiratete, verlor sie das Mädchen aus den Augen. Aber nach der Scheidung traf sie sie gelegentlich, und Cornelia empfand immer eine große Beruhigung in Gesellschaft dieser türkischen Frau, die nie gut deutsch lernte.

Ursula Rein fühlte sich nicht ganz, wenn sie nicht die emotionale Unterstützung eines Menschen hatte, den sie als mächtig und sicher erlebte. Diese Unterstützung, die jedes Kind braucht, hatte ihr ihre Mutter vorenthalten, und sie hatte die unbewusste Erwartung an Lothar Rein, dass er ihr das bieten könnte. Aber das konnte er natürlich nicht: Erstens weil er nicht wissen konnte, was sie in jedem Augenblick ihres Lebens an emotionaler Unterstützung brauchte, zweitens weil Ursula Rein, ohne es zu merken, ihn entwertete, drittens weil Lothar selbst Unterstützung ähnlicher Art brauchte.

Lothar als Kind im Dienste seines Vaters gestanden, musste ihn emotional stützen. Ohne dass es der Vater bemerkte, hat er den Sohn missbraucht. Auch Lothar hatte ein tiefes Gefühl der Unvollkommenheit, weil er den Vater nicht von seiner depressiven Bedürftigkeit hatte befreien können.

Beide Eheleute suchten im jeweils anderen die elementare Bestätigung, die sie als Kind nicht bekommen hatten. Unvollkommen, wie sie sich fühlten, fühlten sie sich unbewusst auch schlecht. Im anderen suchten sie die Bestätigung, dass sie heil und gut waren.   Das ist die Nähe, die sie suchten, die aber immer mit einer Enttäuschung endete.

Ein Ausweg für Ursula Rein war es, ihre vermeintlich schlechten Eigenschaften auf Barbara zu projizieren. Dafür durfte Barbara sich nicht von ihr trennen. In der Sorge um Barbara konnte sich die Mutter also gut fühlen, was heißt, dass sie die Krankheit von Barbara brauchte.
Lothar benutzte dafür teils Barbara, teils seine Frau  und er hatte seine berufliche Tätigkeit, blieb also innerlich auf Distanz zu seiner Frau und den Kindern. Das wiederum bestärkte Ursula darin, dass sie keine andere verlässliche Beziehung hatte als die zu ihrer Tochter. Ohne Barbara wären die Eheleute, oder zumindest einer von beiden, vielleicht depressiv geworden.

Cornelia spürte intuitiv, dass ihr Heil darin lag, sich aus dieser Konstellation fern zu halten. Der Preis, den sie dafür zahlte, war, dass sie eine durch und durch unauffällige Person wurde.

Cornelia war nicht hässlich, aber auch nicht schön, nicht laut, aber auch nicht besonders schweigsam, nicht verführerisch, aber auch nicht abweisend. Später, als sie diese Strategie nicht mehr brauchte, war sie ihr hinderlich. In ihrer Ehe führte es dazu, dass ihr Mann das Interesse an ihr verlor. Man ist geneigt zu sagen, er vergaß, dass er mit ihr verheiratet war. Es kam zur Scheidung, und Cornelia hat sich, wie so oft in ihrem Leben, geduckt.  Ihre zwei Kinder haben sie aber für vieles entschädigt.


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