2. Buch: Die familiäre Ebene -> 7. Kapitel: Familienbeziehungen -> 53. Folge: Streit
Deutungsebene ausblendenStreit
Die Mutter hatte gekocht. Barbara nahm sich eine
Kartoffel, ein Stück Gemüse. Cornelia aß mit
Appetit. Die Mutter versorgte den Vater, gab ihm das Essen
auf den Teller. Sie plauderte dabei mit Cornelia. Es war ein
vertrautes Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Die
Unterhaltung mit Barbara war wortkarger. Barbara sprach
leise. Sie murmelte mehr, als dass sie sprach. Sie
beteiligte sich auch nicht an der Unterhaltung. Wenn sie in
die Unterhaltung zwischen Mutter und Cornelia über den
Film, den Cornelia mit einer Freundin gesehen hatte, hinein
platzte und danach fragte, ob das Gemüse mit Öl
oder Butter zubereitet sei, wirkte das skurril. Aber die
Mutter hatte für Barbara eine intensive unterschwellige
Aufmerksamkeit. Sie spürte die Aggressivität, die
darin lag, und reagierte gereizt. Die Frage selbst erschien
ihr absurd und überflüssig. Aber sie war trotzdem
sehr auf Barbara bezogen, sie reagierte immer und sofort auf
Barbara. Sie unterbrach die Plauderei mit Cornelia, um auf
die Frage nach dem Öl und der Butter zu antworten.
Warum ist das denn wichtig?
Barbara murmelte etwas
von Kalorien und Wasser und Gesundheit. Die Mutter verstand
nicht, wollte zanken. Barbara zog sich zurück. Es sei
ja alles nicht so wichtig. Die Mutter war nun doppelt
frustriert, weil ihre Antwort nicht mehr nur als
unbefriedigend, sondern auch als unnötig deklariert
wurde.
Also gut, was willst du wissen? insistierte die
Mutter.
Das Gemüse muss frisch sein, nicht aus
der Büchse.
Ist es.
Nur Öl, keine
Butter.
Ist es auch, sagte die Mutter. Es ging um einen
vegetarischen Kartoffelauflauf mit Gemüse.
Aber da
ist doch auch Sahne drin.
Nur ganz wenig, sonst
schmeckt es doch nicht, räumte die Mutter ein.
Barbara schob ihren Teller wortlos von sich und aß
nichts. Nun kochte die Mutter über:
Ich habe mir
solche Mühe gegeben. Ich habe mir eigens überlegt,
was du gerne isst. Ich überlege, was gesund für
euch alle ist. Ich kann dafür auch ein bisschen
Dankbarkeit erwarten. Ein bisschen nur!
Das waren
Argumente, die sie schon unzählige Male gebraucht
hatte. Aber Cornelia ging dazwischen, indem sie auf ein
Schulproblem hinwies, das sie noch zu lösen hatte.
Damit zog sie die Aufmerksamkeit der Mutter wieder auf
sich.
Der Vater aß wie die anderen und wurde auch von
seiner Frau angemessen bei der Essensverteilung
berücksichtigt. Aber nicht nur, dass er nicht sprach,
die drei Frauen unterhielten sich so, dass eine Reaktion des
Vaters weder erwartet wurde noch irgendwie ihren Platz
gehabt hätte. In der Schulsache - es ging darum, dass
Cornelia sich auf eine Arbeit in Biologie vorbereiten musste
- wollte er wissen, wie Cornelia in dem Fach stand. Cornelia
selbst gab eine sehr knappe Antwort und wandte sich wieder
der Mutter zu.
Für die Mutter war es ein Anlass,
sich an den Vater zu wenden:
An deiner Uninformiertheit
erkennt man dein fehlendes Interesse an Cornelia und an
ihren schulischen Leistungen.
Der Vater antwortete
nicht minder aggressiv: Du verstehst doch selbst nichts von
Biologie.
Darauf die Mutter:
Die Kinder und ich
sind es satt, sich von dir immer solche Frechheiten
anhören zu müssen.
Der Vater grinste
hämisch, Cornelia blickte resigniert zum Himmel,
verstärkte noch einmal ihren Hinweis an die Mutter, sie
müsse nach dem Essen ihre Arbeit für die Schule
machen, Barbara begann, aufmerksam in ihrem Essen herum zu
stochern, und die Tafel wurde rasch aufgehoben. Die Kinder
stellten die Teller zusammen, Lothar Rein ging in sein
Arbeitszimmer zurück. Die Arbeit des Abräumens
blieb für die Mutter.
Die Familienkonstellation ist also so: Die Mutter hat gekocht. Barbara kritisiert die Mutter über ihr Mäkeln am Essen. Cornelia will ablenken, offensichtlich um die Mutter zu schützen, und macht ein Schulproblem zum Thema. So wie die Frauen darüber sprachen, fühlte sich der Vater ignoriert, was er als feindseliges Verhalten verstand. Mit seiner Frage nach der Biologie wollte er in Erinnerung bringen, dass er auch anwesend war. Das nahm die Mutter zum Anlass, alle Feindseligkeit gegen ihn zu lenken, und sich als Wortführer der Kinder darzustellen.
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