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Seelische Verletzung

Erzählung

Im dritten Jahr ihrer Ehe wurde Barbara geboren. Ursula Rein war glücklich mit ihrem Kind. Aber es gab da einen Stachel, den sie nicht los wurde: Wenn sie das Kind wickelte und säuberte, sah sie die Rötung auf der Haut mit tiefer Angst. War sie nicht sorgfältig genug? Der Kinderarzt hatte sie zwar beruhigt, aber war es nicht seitdem schlimmer geworden? Die Kleine hatte heute auch lustloser getrunken. War es genug gewesen? Dann wurde sie ängstlich und unruhig. Sie machte sich mit dem Kind zu schaffen. Das ließ sie ruhiger werden.

Ursula Rein kann nicht erkennen, dass die Quelle der Angst in ihr selbst liegt. Sie macht belanglose Sachen bei ihrem Kind dafür verantwortlich. Das Kind seinerseits macht die Erfahrung, dass die Mutter um es ständig besorgt ist und gewinnt die Überzeugung, dass es ein schlechtes Kind ist.

Ihr Mann hatte in dieser Sache eine klare Meinung. Er ging davon aus, dass seine Frau das Kind gut versorgte. Aber diese Zuversicht ihres Mannes half Ursula überhaupt nicht. Ihr Mann konnte die tiefe Wunde in ihrem Selbst, die sie so ängstlich machte, nicht heilen. Das war das eine. In der Tiefe ihrer Seele gab es einen Kampf, der noch weit schlimmere Folgen hatte.

Ursula Rein hatte die ehrliche Absicht gehabt, ihrem Mann eine gute Frau zu sein. Sie hatte sich ihm ganz überlassen, ihren Körper, ihr Leben und ihre Zukunft. Sie kochte für ihn, wusch seine Socken, Unterhosen und Taschentücher. Sie hielt das Haus sauber. Sie stand auf, wenn er aufstand und sie ging mit ihm zu Bett. Sie schlief mit ihm, wenn er es wollte - oft jedenfalls. Wenn es für seine Position in der Firma wichtig war, ging sie mit zu Veranstaltungen und sie trug die Kleider, die eine Frau seines Standes zu tragen hatte. Jetzt, vor der Geburt des Kindes hatte sie auch ihr Studium aufgegeben. Das alles tat sie gern und er genoss es sichtlich.

Aber sein Stolz heilte ihre Seelenwunden nicht. Im Gegenteil, sie hatte das Gefühl, dass er sie mehr und mehr auslöschte. Sie hatte das Gefühl, dass er sich von ihr nahm oder bei ihr liegen ließ, wie es ihm passte. So unterwarf er sie. Das war keine äußerliche Herrschaft. Jeder Außenstehende hätte gesagt, dass Ursula Rein vom ersten Tag an in der Ehe die dominante Rolle hatte. Sie sagte ihm mit leiser Stimme, was er tun sollte, und er tat es bereitwillig. Es machte ihm nichts aus, weil er seine Frau lieben wollte, und weil sie besser als er wusste, was sie wollte, wenn auch er den besseren Realitätssinn hatte, auf den sie sich bei ihren Entscheidungen stützte.

Auch das half ihr alles nicht. Ursula Rein, die sich ganz in den Dienst der Familie, d. h. ihres Mannes und des Kindes, stellte, bekam das Gefühl, dass sie ihr Selbst aufgab. Sie gab alles, und so blieb ihr für sich selbst nichts.

Sie erschrak, weil sie Hass brauchte, um Distanz zu ihrem Mann zu bekommen, um neben ihrem Mann überhaupt sein zu können. Zunächst nur selten und wenig, dann mehr und mehr. Er aber bekam von all dem nichts mit. Und das war in ihren Augen das Schlimmste.

Ihre Mutter konnte Ursula Rein nicht um Rat fragen, wenn es um die Versorgung ihres Kindes ging. Sie musste fürchten, von ihr zu hören, dass ihre Zweifel berechtigt waren; denn ihre Mutter konnte von ihren Vorurteilen nicht ablassen. Ursula Rein kannte ihre Mutter nur als depressive, ewig nörgelnde Frau, die ihre positive Lebenseinstellung gegenüber ihrer Tochter nie sichtbar werden ließ.


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<- 48. Folge: Hochzeit