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Die Schwester

Erzählung

Als Barbara 4 Jahre alt war, wurde ihre Schwester geboren. Cornelia war ein ruhiges Kind. Von Ursula Rein wurde viel Disziplin in der Anfangszeit verlangt, das Kind mit allem zu versorgen, denn Barbara verstärkte mit dem Auftauchen der kleinen Schwester ihre Unarten.

Für die kleine Schwester hatte dies Vorteile. Sie bekam eine unaufdringliche Liebe von ihrer Mutter und so verlief ihre Entwicklung in ruhigen Bahnen.

Die Eltern und auch Barbara nahmen wie beiläufig zur Kenntnis, dass Cornelia größer und älter wurde. Es wäre aber auch richtig zu sagen, sie nahmen es eigentlich nicht zur Kenntnis.

Es war Cornelias Strategie, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Das rettete sie.

Sonntag in zwei Wochen sind dein Vater und ich eingeladen. Ihr sollt beide mitkommen, sagte Frau Rein zu ihren Töchtern.
Prima, war Cornelias Antwort.
Nach zwei Tagen erwähnte sie beim Mittagessen:
In einer Woche schreiben wir einen Mathetest.
Zwei Tage später:
Der Mathetest ist übrigens am Montag. Ich brauche das ganze Wochenende zur Vorbereitung. Halt, Samstag geht nicht, da muss ich mich mit Lene treffen.
Muss das sein, mit Lene? fragte die Mutter. Geht das nicht an einem anderen Tag? Dann könntest du dich am Samstag auf den Test vorbereiten und Sonntag mitgehen.
Au, die Verabredung am Sonntag habe ich ganz vergessen. Ich würde gern mitgehen. Aber das mit Lene kann ich nicht absagen. Sie muss mir genau erklären, was wir in Englisch machen.
Manchmal gab dann die Mutter auf. Wenn sie aber  darauf bestand, dass Cornelia den Sonntag frei machte, würde Cornelia einlenken:
Ich werde mit Lene sprechen, dass wir den Termin verlegen.
Ein oder zwei Tage später:
Lene kann den Termin nicht verlegen. Du musst mir auch bei der Näharbeit helfen. Die kriege und kriege ich nicht fertig.
Entweder gab die Mutter jetzt auf oder dieses Spiel ging noch eine Weile so weiter, bis klar war, dass Cornelia am Sonntag zu Hause blieb.

Cornelia hatte ein großes Repertoire an Entschuldigungen: Bauchschmerzen, Migräne, Schularbeiten, Treffen mit Freunden, die unabweislich waren, später ihre Tage. Sie fand fast immer einen Grund, der es selbstverständlich machte, dass sie sich von der Familie absondern konnte, ohne dass es wie eine Absonderung aussah. Im entscheidenden Augenblick saß sie vor ihrem Schreibtisch oder lag im Bett und die Familie machte sich ohne Cornelia auf den Weg, als gäbe es sie gar nicht.

Als Barbara damit anfing, sich in die Arme zu schneiden, war es zunächst noch vergleichsweise harmlos. Es waren eher Kratzer. Ohne genau zu wissen warum, zeigte Barbara es ihrer Schwester. Es war vor dem Schlafengehen im Zimmer von Cornelia. Barbara war schon im Nachthemd. Sie kam, zog den Ärmel hoch und hielt ihr den linken Unterarm hin:
Da! Hab ich selber gemacht. Barbara atmete schwer. Sie guckte verzückt auf das Blut, das in kleinen Streifen, den Arm entlang sickerte.
Du darfst es keinem erzählen!
Tu ich nicht, sagte Cornelia.

Die ältere Schwester tat etwas, was verboten schien; denn sie tat es heimlich und verlangte Verschwiegenheit. Als Cornelia im Bett lag, dachte sie noch daran. Was hatte das zu bedeuten? Wenn man sich versehentlich schnitt, tat es weh, es blutete und es geschah eben aus Versehen. Was Barbara machte, war unheimlich und interessant. Cornelia war neugierig, was daraus werden würde. Es war eine kurze Erregung, die sie selbst spürte, und dann schlief sie ruhig ein.

Nie wäre Cornelia auf die Idee gekommen, den Eltern oder irgend jemand anderem etwas zu erzählen. Die Nachricht, die sie empfing, war tief in ihr verborgen, und es war für sie auch nicht schwierig, die Dinge für sich zu behalten. All diese aufregenden Ereignisse sickerten in sie hinein, wie Wasser in Sand, ohne Spuren zu hinterlassen. Was immer auch in der Familie geschah, Cornelia überstand es unbeschadet.

Cornelia gedieh im Windschatten von Barbara.

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