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Entstehung einer Krankheit

Erzählung

Was also sollte Ursula Rein mit ihrer Furcht machen, sie sei keine gute Mutter? Sie verstärkte ihre Bemühungen um Barbara. Sie war immer zur Stelle, wenn die Kleine sie brauchte. So widerlegte Ursula Rein immerfort ihre Ängste. Das Kind gedieh.

Die Ängste und ihre Widerlegung waren etwas, was die beiden, Barbara und ihre Mutter, ganz allein miteinander abmachten. Es war das Bedürfnis der Mutter, ein sattes Kind zu sehen, aber nicht seinen Hunger. Es war der Wunsch der Mutter, ein lachendes Kind zu sehen, Weinen war eine Anklage.

Ursula Rein bemerkte nicht, dass sie in ihrem Kind sich selbst sah, sich selbst als Säugling. Sie war dieser Säugling, den sie, ohne es zu ahnen, in Barbara fütterte, den sie hätschelte und den sie liebte. Aber der Säugling in ihr blieb unbefriedigt, der hatte seinen Groll gegen die Welt und die Menschen um sich herum nicht verloren. Es war die unverarbeitete Wut ihrer frühen Kindheit. Ursula Rein versuchte, ihn durch ihre Perfektion zu widerlegen.

Wenn ihr Mann abends nach Hause kam, bemerkte er eine etwas erschöpfte Frau. Der Haushalt war in Ordnung, sein Essen war fertig, das Kind versorgt. Aber es kam immer seltener vor, dass sich die Eheleute aufeinander freuten. Es war auch kaum noch Begehrlichkeit zwischen ihnen. Es war zu selten, dass Ursula Rein, wie flüchtig auch immer, ihr Kind vergaß. Ihrem Mann gelang es nicht, sie davon zu überzeugen, dass es neben ihrem Kind noch anderes, wichtiges und schönes im Leben gab. So war Ursula Rein nur Mutter und hatte vergessen, wie sie es geworden war.

Barbara spürte das natürlich nicht. Aber sie spürte eines: Es gab zu wenig Augenblicke in ihrem jungen Leben, in denen ihre Mutter sie allein gelassen hätte. So blieb ihr Selbst schwach.

Unmerklich war die Lust an dem Kind zur Besorgnis geworden. War es erst nur der Zweifel, ob sie als Mutter gut genug war, so waren später daraus Probleme von Barbara geworden. Und auch da gab es eine Entwicklung. Erst machte sich die Mutter Sorgen um das Kind, dann machte das Kind Schwierigkeiten, dann war seine Entwicklung gestört und schließlich war Barbara eine Kranke. Rückblickend wird die Mutter sagen, dass Barbara immer schon ihr Sorgenkind gewesen sei. Und als die Ärzte später von Erbfaktoren im Zusammenhang mit der Krankheit von Barbara sprachen, hatte sie endlich eine Erklärung dafür, dass es so früh schon Schwierigkeiten mit Barbara gegeben hatte.

Lothar Rein erfuhr von den Schwierigkeiten, die Barbara machte, durch die Erzählungen seiner Frau. Erst wollte sie nicht gestillt werden, dann spuckte sie. Probleme im Kindergarten kamen hinzu. Sie erzählte erfundene Schauergeschichten usw.

Ursula Rein konnte tagelang deswegen nicht schlafen, immer wieder kam sie in den Unterhaltungen mit ihrem Mann darauf zurück.
Ich verstehe das nicht. Das Kind hat doch alles.
Manchmal empfing sie ihn schon an der Tür: Stell dir vor, was sie wieder angestellt hat!

Früher hatte ihr Mann erzählt, was er den Tag über in der Firma gemacht und erlebt hatte. Obwohl sie wenig davon verstand, hörte sie es doch gern. Später kam es ihr so vor, als stopfe ihr Mann seine Geschichten in sie hinein. Dann aber kam eine Zeit, da war gar keine Zeit für solche Berichte. Die Probleme mit Barbara bestimmten die Abendunterhaltung.

Es gab eine unausgesprochene Übereinstimmung zwischen den Eheleuten, dass es etwas Bedrohliches gab, das auch irgendwie mit Barbara verbunden war, aber auch noch von ihr ferngehalten werden konnte. Diese gemeinsame Aufregung über Barbara ersetzte eine Auseinandersetzung der Eheleute untereinander anderer Art, nämlich über die Enttäuschungen, die sie einander zuschrieben. Vielleicht konnten oder wollten sie darum auch nicht die Frage stellen, warum Barbara all diese Dinge tat. Sie hatten, so gesehen, beide ein unbewusstes Interesse an den Auffälligkeiten von Barbara.

Barbara war so in das Zentrum des Familienlebens gerückt. Es drehte sich alles um sie. Sie stabilisierte die Ehebeziehung.

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