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Der Mann ihrer Träume

Erzählung

Ursula Rein fand Gefallen an Rolf, als sie ihn kennen lernte. Sehr bald dachte sie in einem plötzlichen Anflug:
Das ist der Mann, mit dem ich glücklich werden könnte.
Wahrscheinlich hat Rolf nie etwas von der Leidenschaft dieser Frau geahnt, bestimmt hat er nichts davon gewusst. Sie war sehr freundlich zu ihm, und angesichts der emotionalen Kälte, die sie zu ihrem Mann empfand, fiel ihre Freundlichkeit auch auf, aber sie blieb doch im Rahmen.

In gewisser Hinsicht war es klug, dass Ursula Rein einen Versuch, ihre Liebe zu Rolf zu realisieren, nie wagte. Sie spürte, dass die Nähe zu ihm ihr ähnliche Probleme bescheren würde, wie sie sie mit  Barbara hatte. Sie war unfähig, einem Menschen, den sie liebte, eine unabhängige Existenz zu gestatten. Sie konnte einen geliebten Menschen nicht in ihrem Innern bewahren, wenn er sie verließ. Die morgendliche Trennung, wenn der Mann zur Arbeit ging, war für sie ein Stoß in den Abgrund der Einsamkeit, wovor sie sich nur mit Zorn schützen konnte. Eine Zeitlang konnte sie diesen Zorn in eine Verstimmung umwandeln, durch Aktivitäten verbergen oder mit ihrer Vernunft bekämpfen. Aber er nagte an der Überzeugung, dass er es gut mit ihr meinte und das war das Gift, das ihr Vertrauen zerstörte.

Ursulas Liebe zu Rolf blieb ein Ereignis in ihrer Seele. Die Liebe wurde keine Wirklichkeit.

Ursula hatte irgendwann plötzlich das Verlangen, Rolfs Arme zu sehen, muskulöse behaarte Arme. Sie dachte daran, auch bei ihren seltenen Masturbationen. Die waren nicht besonders ekstatisch. Sie fand sie angenehm und genoss die Entspannung danach. Sie schaffte sich so eher etwas Lästiges vom Halse, nämlich die Gefahr, sexuell erregt zu werden. Aber wie verkümmert ihre Sexualität auch war, so war es doch eine große Veränderung, dass sie nun plötzlich mit der Person und dem Körper von Rolf verknüpft wurde. Die Forderung ihrer Sexualität nach Erfüllung ließ sich nicht mehr so ohne weiteres abweisen. Das ging einige Monate so. Dann gab es ein Fest, auf dem das Ehepaar Rein mit Rolf und seiner Frau zusammentraf, ein Fest mit den üblichen Toasts und förmlicher Fröhlichkeit. Aber dieser Abend war anders, jedenfalls für Ursula.

Zwischen ihr und Rolf kam ein vertrautes Gespräch auf. Und da sowohl Ursula wie auch Rolf die Fähigkeit hatten, Vertrautheit ohne Anzüglichkeit herzustellen, war es ein Gespräch, das andere Personen, die an dem Tisch saßen, mit hineinzog, so dass es bald eine fröhliche Runde war, deren Mittelpunkt die beiden waren. Die Vertrautheit der beiden miteinander war wie bei einem gut eingespielten Paar. Die gute Laune dieses Tisches war weder lärmend noch überlaut, sie steckte die anderen an.

Das Gespräch am Tisch ging um Naturerlebnisse. Ursula Rein erzählte, wie sie das letzte Mal mit ihren Eltern in Urlaub gefahren war. Sie hatte sich noch vor dem Morgengrauen aus dem Hotel gestohlen und war an den Strand gegangen.
Ich war, glaube ich, 17. Ich bin in einem Strandkorb eingeschlafen. Als ich aufwachte, ging gerade die Sonne auf, vor mir, über dem Meer. Es war das erste Mal, dass ich so intensiv erlebt habe, was Natur ist. Ich meine, wie schön sie ist. Ich war allein und – wie soll ich sagen - es war so still und dann doch die Vögel in der Luft.

Keiner hätte sagen können, wie es sich entwickelt hatte. In Ursulas Phantasien begann eine Affäre. Ein halbes Jahr später schlief sie mit Rolf. Das erste Mal stellte sie es sich sehr prosaisch vor. Sie zogen sich beide aus und nach kurzer Zeit war die Sache schon vorbei, zwar lustvoll, aber fast mechanisch. Vielleicht musste es so sein, weil die Anspannung und Erwartung zu groß waren, weil Ursula Rein ihren Körper neu kennen lernen musste, um das, was folgte, überhaupt auszuhalten.


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