2. Buch: Die familiäre Ebene -> 9. Kapitel: Abgründe -> 64. Folge: Leidenschaft

Deutungsebene ausblenden

Leidenschaft

Erzählung

Ursula Rein hätte nie Worte gefunden zu beschreiben, was ihr manchmal morgens im Bett durch den Kopf ging, was sie wenig später schon nicht mehr wusste: dass ein junger Mann sie liebevoll und zärtlich streichelte. Oder waren es schöne Frauen? In der Tür ein Mann, der ihr zuschaute, wie ein anderer dunkelhäutiger bei ihr lag. Ein gehauchtes Bild, das auf ihre Seele fiel und schon wieder vergessen war.

Was ihre Phantasien und geheime Leidenschaften betraf, war Ursula Rein keine ungewöhnliche Frau. Sie war auf ihre Weise sogar phantasievoller als viele andere.

Die Verwicklungen, die schließlich zu den tragischen Ereignissen um Barbara geführt haben, kann man nicht allein auf ungestillte Leidenschaften der Mutter zurückführen. Ursula Rein ist an der ganz normalen, alltäglichen Aufgabe gescheitert, an der viele Menschen scheitern, nämlich die Kräfte ihrer Seele zu zähmen. Sie war ihren Trieben hilflos ausgeliefert und konnte, trotz einiger günstiger äußerer Umstände, zu wenig von ihren Phantasien ausleben. Sie verband ein tiefes Gefühl der Unvollkommenheit und Scham mit ihnen. Das Lesen der Romane war eine übrig gebliebene Möglichkeit, wenigstens etwas davon in der Phantasie zu realisieren. Und selbst das erzeugte in ihr nicht selten Schuldgefühle.

Wäre es für Ursula Rein überhaupt möglich gewesen, eine größere innere Zufriedenheit zu erreichen? Ihr Mann hatte nicht dazu beitragen können. Aber kann man sich denken, dass es ein anderer Mann hätte erreichen können? Wenn das Schicksal Ursula Rein in eine andere Lebenssituation gebracht hätte, wenn sie z. B. Fürstin in einem mittelalterlichen Staat gewesen wäre, hätte sie vielleicht ihre Sexualität genossen und ihre Grausamkeiten an anderen ausgelassen, viel Unglück erzeugt, um ihr eigenes zu begrenzen. Aber dass es einen Menschen geben könnte, an dem sie hätte erfahren können, dass sie nicht an sich leiden musste, das ist nicht vorstellbar. Insofern war sie keine gewöhnliche Frau, hatte sie kein alltägliches Schicksal. Vielleicht hat sie das gespürt und darum ihren Mann nicht verlassen. Ihn konnte sie für ihr ganzes Unglück verantwortlich machen.

Ursula Rein hatte nicht die Chance gehabt, in den Augen ihrer Mutter ein wunderbares, einzigartiges Wesen zu sein. Das Resultat war ihr Hass und ihre Wut, die darauf hinausliefen, die Menschen ihrer Umgebung zu zwingen, ihre großartige Einzigartigkeit anzuerkennen. In ihrer Tochter Barbara hatte sie einen Menschen, in den sie das Unvollkommene ihres eigenen Wesens verlagern konnte, und an dem sie beweisen konnte, dass andere nur mit ihrer Hilfe lebensfähig sind. Was sie nicht dabei bemerkte, war, wie sehr sie selbst dadurch von ihrer Tochter abhängig wurde.

In diesem Sinn versuchte sie unablässig, die eigene, längst vergangene Kindheit zu korrigieren. Doch war sie nicht unfähig zu lieben. Aber die Liebe von Ursula Rein war nur zu einem geringen Teil selbstlos. Sie opferte sich auf, aber sie wollte nicht wirklich wissen, was ihre Kinder und ihr Mann selbst wollten.

Als Barbara in einem psychiatrischen Krankenhaus einen jungen Mann kennen lernte, nahm Ursula Rein das anfangs eher belustigt zur Kenntnis. Josef war zwei Jahre älter als Barbara, ein sehr kindlich und dabei altklug wirkender Mann, der sich viel über die Welt Gedanken machte. Er hatte auch viel gelesen, war aber nach dem Abitur ohne Beschäftigung. Josef hatte Gefallen an Barbara gefunden. Seine Konsequenz daraus war der Versuch, sie für sich ganz in Beschlag zu nehmen. Er rief im Hause Rein an und tat ganz selbstverständlich, wenn er Barbara sprechen, sie sehen und sie auf seine Unternehmungen mitnehmen wollte. Dabei schien er sich gar nicht zu fragen, ob es Barbara passte oder nicht, von der Familie Rein ganz zu schweigen.

Frau Rein mokierte sich zunächst nur über das unmögliche Benehmen des jungen Mannes, der doch keine anderen Qualitäten in ihren Augen hatte, als dass er viele Male in psychiatrischen Anstalten zur Behandlung gewesen war. Als aber Barbara so ganz allmählich mit Josef außer Haus ging, erst zu einem kurzen Spaziergang, dann ins Kino, wurde sie unruhig. Sie wurde überschwemmt von depressiven und aggressiven Gefühlen. Ihr sonst so beherrschtes Gesicht erschien nun plötzlich wild und verwüstet. Wenn sie jetzt von Barbara sprach, war es eine Drohung:
Barbara ist frech und unverschämt, oder:
Sie soll endlich irgendwas lernen und uns nicht mehr auf der Tasche liegen, dann:
Sie starrt den ganzen Tag nur vor sich hin. Das ist doch verrückt.

Es war eine Katastrophe in der Seele der Mutter. Die Situation war nicht mehr kontrollierbar. Das Entsetzen, ihre Tochter zu verlieren, war aber nur eines. Das andere war ihre Überzeugung, dass es Barbaras Ziel war, sie, die Mutter, zu verderben. Diese unbewusste Phantasie hatte sich erstmals in der Schwangerschaft gerührt. Ihr Mann, Cornelia und Barbara arbeiteten Hand in Hand am Untergang von Ursula Rein. Ursula Rein war paranoid.

Die Sache mit Josef ist irgendwie im Sande verlaufen. Später erst hat Barbara die Liebe zu einem Mann entdeckt. Ihr Zustand war dann schon so, dass die Mutter ebenso wenig wie irgendein anderer an eine neue Entwicklung glaubte oder sie erkennen konnte.

 


______
<- 63. Folge: Welt der Dichtung
65. Folge: heimliche Liebe ->