2. Buch: Die familiäre Ebene -> 9. Kapitel: Abgründe -> 65. Folge: heimliche Liebe
Deutungsebene ausblendenheimliche Liebe
Wie alle Menschen ahnte Ursula Rein, dass es im Leben auf
Beziehungen ankommt, wenn man so etwas wie Sinn in sein
Leben bringen will. Und das hieß vor allem Liebe.
Liebe zu der Familie, aus der sie kam, und zu der Familie,
in der sie lebte. Aber es hätte ihr etwas an ihrer
Weiblichkeit gefehlt, wenn sie nicht auch die Leidenschaft
zu einem Mann als das angesehen hätte, was – ja
man muss schon sagen – zu dem Bestimmungszweck ihres
Daseins gehörte. Gerade weil sie eine intelligente Frau
war, weil sie moralische Maßstäbe hatte. Mit den
kleinen Annehmlichkeiten des Lebens gab sie sich nicht
zufrieden, obwohl sie sie schätzte. Sie liebte Musik
und fand immer Freundinnen oder Paare, mit denen sie ab und
zu ins Konzert gehen konnte. Sie genoss es, gelegentlich
allein oder in Gesellschaft zu wandern, den Geruch von Wald
und Wiesen, Wasserlandschaften, Gebirgen und Meer zu atmen.
Ihr Haus war ihre Zierde, und wenn Gäste kamen, machte
sie es sich zum Ziel, sie gut und bestens zu bewirten. Das
alles tat sie mit Überzeugung. Wenn sie guter Laune
war, ihr das Zerwürfnis mit ihrem Mann nicht so
gewichtig erschien und sie die Sorgen um Barbara
verscheuchen konnte, sagte sie schon mal:
Wem sollte es
nützten, wenn es mir schlecht geht? und lachte.
Aber war es nicht so, dass sie das Schöne und Erhabene, das sie erlebte, mit jemandem teilen wollte? Wenn sie durch tiefe Wälder strich oder die Musik ihr Herz berührte, dann flüsterte sie ihrem Geliebten ins Ohr, was niemand je hören sollte außer ihm.
Das erstaunliche war, diesen Geliebten gab es. Es gab ihn über ein Jahrzehnt in ihrem Leben und danach als Erinnerung. Aber Ursula Rein hat diese Liebe nie realisiert. Es gab keinen Kuss und keine Umarmung, keine verlangenden Gespräche in der Nacht am Telefon und keinen schmerzlichen Abschied. Ursula Rein liebte einen Mann, den sie manchmal sah, dem sie aber nie ihre Liebe gestand. Und doch gab es auch eine Geschichte mit ihm. Sie war ihm böse, sie war beleidigt, hoffnungsfroh und glücklich. Es gab ein erstes Kennenlernen und schließlich eine Trennung.
Dieser Mann war ein Arbeitskollege ihres Mannes. Er war einige Jahre älter als sie, ein ausdrucksvoller, eher kleiner, etwas rundlicher Mann in guter Stellung, verheiratet mit zwei halbwüchsigen Kindern. Er war nicht besonders gut aussehend, hatte aber Herzlichkeit.
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