2. Buch: Die familiäre Ebene -> 9. Kapitel: Abgründe -> 68. Folge: die Einsamkeit von Ursula Rein

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die Einsamkeit von Ursula Rein

Erzählung

Nach einigen Jahren hat Ursula Rein das Verhältnis zu Rolf beendet. Erst schlief die Sache für sie allmählich ein. Nicht der Charakter von Realität, den sie ihren Phantasien gegeben hatte, sondern die Häufigkeit, mit der sie ihre Beziehung realisierte. Sie sahen und sprachen sich seltener, dann dachte sie an ihn nur noch sporadisch und schließlich beendete sie das Verhältnis. Es dauerte noch einige Monate und danach war sie Rolf böse. Das allerdings war sie nun auch in Wirklichkeit. Wenn sie Rolf schon mal am Telefon hatte, weil er ihren Mann sprechen wollte, gab sie den Hörer wortlos an ihren Mann weiter. Und wenn sie ihn sah, was ein oder zwei Mal aus Zufall geschah, ignorierte sie ihn.

War Ursula Rein vorher schon einsam gewesen, so registrierte sie diese Einsamkeit nun auch - allerdings ohne Bedauern. Zu ihrem Mann hatte sie ein Verhältnis, das mit einem Minimum an Kommunikation auskam, Barbara zählte nicht, und Cornelia hatte sich auf ihre Art aus dem Haus gestohlen.

Während Cornelia in ihrer Kindheit und Jugend immer Wege fand, sich von der Familie zu entfernen, kam sie nach ihrem Auszug als junge Frau zwar nicht eben häufig, aber doch regelmäßig die Familie besuchen. Ihre Ankündigung, dass sie nun auch heiraten wolle,  kam ziemlich unverhofft. Niemand in der Familie hatte diese Entwicklung mitbekommen.

Lothar Rein freute sich darauf. Ursula Rein hatte gemischte Gefühle. Barbara nahm es zunächst ohne besondere Reaktion zur Kenntnis, war aber zum anberaumten Termin hoch psychotisch. Man holte sie für ein paar Stunden aus der Klinik und setzte sie an die Hochzeitstafel.

Es war eine große Hochzeitsgesellschaft. Der Mann von Cornelia hatte zwei ältere Brüder. Beide waren verheiratet und hatten Kinder, außerdem hatte er eine Reihe Tanten und Onkeln, die fast alle auch Familie hatten. Überdies hatte er viele Freunde, die er zu diesem Fest geladen hatte. Dagegen wirkte die Familie Rein ganz verloren. Außer den Eltern, der Oma Ruge und zwei Freundinnen der Braut hatte man niemanden laden können. Barbara war ein Bild des Jammers. Es schien, als ob niemand Kenntnis von ihr nehmen würde. Und Ursula Rein empfand Neid. Sie sah die Eltern des Bräutigams, die einander zugetan schienen. Sie lachten miteinander und tanzten. Cornelia war eine hübsche Braut und da sie im Mittelpunkt stand, sah man, dass sie eine gute Figur und ein ebenmäßiges Gesicht hatte. Die Mutter selbst empfand Überraschung darüber. Dieses Kind ging nun weg, und es war ihr, als ob sie das erst jetzt bemerkte. Dieses Kind ging weg, ohne dass es wirklich da gewesen war.

Nach dem Mittagessen hielt der Vater des Bräutigams eine kurze Rede. Er drückte aus, wie viel Hoffnung  mit jeder Eheschließung verbunden ist und dass man dem jungen Brautpaar Glück und Kinder wünsche. Dann erzählte er einige Anekdoten aus dem Leben des Sohnes. Er erzählte auch, wie sich die beiden kennen gelernt hatten, nämlich versehentlich. Christian, so hieß der Bräutigam, hatte bei einem geschäftlichen Auftrag die Adressen verwechselt und war in der Firma gelandet, bei der Cornelia in einem Büro arbeitete. Die hatte versucht, ihn wegzuschicken, während er darauf bestand, bei ihr an der richtigen Adresse zu sein. Die beiden hatten sich darüber so in die Wolle gekriegt, dass schließlich irgend jemand von der Firma intervenieren musste. Das war Liebe auf den ersten Blick, meinte er. Und sein Sohn habe doch Recht behalten.
Er war an der richtigen Adresse! rief der alte Mann.
Die Mutter von Christian blickte all die Zeit gut gelaunt auf ihren Sohn und ihren Mann. Liebe dachte Ursula Rein, die das beobachtete. Sie konnte nicht wissen, was die Schwiegermutter ihrer Tochter wirklich dachte:
Er sieht aus wie sein Vater. Bestimmt ist er auch sein Sohn.
Gewissheit hatte sie in der Sache nicht. Sie hatte immer mal neben ihrem Mann Liebhaber gehabt - ihr Mann auch, junge Männer. Aber auch das wusste keiner der Anwesenden.

Dann wurde getanzt. Und da viele junge Leute da waren, wurde es ein ausgelassenes Fest. Es wurde Zeit, Barbara zurück in die Klinik zu bringen. Man konnte nie genau wissen, wie sie reagieren würde. Den Transport übernahm unauffällig die Mutter. Vater Rein gab eine gute Figur ab, von Repräsentation verstand er etwas. Außerdem war er wegen seiner beruflichen Position in der Runde anerkannt. Über die Veränderung, die die Heirat von Cornelia bedeutete, dachte er nicht nach. Er lebte in der Gegenwart und mit der, die ihn gerade umfing, war er zufrieden.

Das Brautpaar war einigermaßen glücklich. Cornelia war es bestimmt. Sie hatte nun einen Mann und hoffte bald auch Kinder zu haben. Vor allem war sie ihrer Familie entflohen. Sie empfand sehr deutlich, dass sie mit dieser Hochzeit den letzten Schritt in die Unabhängigkeit gemacht hatte.

Bei Christian war es schwieriger. Die große Liebe war seine junge Frau nicht, obgleich er sie sehr gern hatte. Er schätzte ihr gutmütiges Wesen und er hatte an ihrer unauffälligen anschmiegsamen Art Gefallen gefunden. Später, nach einigen Ehejahren würde er entdecken, dass die lauten, verführerischen Frauen ganz eigene Reize haben. Aber jetzt war er jung und sehr mit sich selbst beschäftigt. Da tat ihm diese Frau gut, die sich so ganz auf ihn einstellen konnte. Er konnte sich ausbreiten, er war nie allein, brauchte aber nur wenig Rücksicht zu nehmen. Als dann nach einiger Zeit die zwei Kinder kamen, hatte er Freude an den Kindern. Die Pflege und Sorge nahm ihm seine Frau weitgehend ab. Manchmal wunderte er sich allerdings darüber, wie wenig die Kinder auf ihn bezogen waren.

Es war merkwürdig, durch die Verheiratung Cornelias, die doch nie viel für Barbara getan hatte und schon länger nicht mehr im Hause Rein lebte, fühlte sich Ursula Rein doch sehr belastet, was Barbara betraf. Die Anwesenheit Barbaras und die nie endenden Schwierigkeiten wurden unerträglich. Sie besorgte Barbara darum eine kleine Wohnung in der Nähe.


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