2. Buch: Die familiäre Ebene -> 9. Kapitel: Abgründe -> 67. Folge: doppelte Wirklichkeit

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doppelte Wirklichkeit

Erzählung

Beim zweiten Mal räumte Ursula sich mehr Zeit ein, eine ganze Nacht. Als Rolf erschöpft und ganz verloren doch noch in ihr ruhte, vergingen ihr fast die Sinne. Ihre Vorstellung wurde zum körperlichen Empfinden, das schließlich den ganzen Rolf umschloss.

Rolf schlief in ihr liegend, auf ihr liegend und neben ihr liegend in ihrem Bett, das er doch nie berührte. Ursula schloss kein Auge diese Nacht. Am nächsten Morgen war Ursula Rein eine andere und die ganze Welt war anders. Es gab die Nachtwelt und die wirkliche Welt, die einander nicht berührten. Als der Wecker klingelte, morgens ein Viertel vor sieben, klappte sie ihr Nachterleben zu wie ein Buch und wandte sich den Aufgaben des Tages zu. Sie stand auf, putzte sich die Zähne, frisierte sich die Haare und warf sich einen Morgenmantel über. Dann kamen Barbara und Cornelia dran, das Frühstück ihres Mannes und schließlich saß sie am Frühstückstisch allein wie Millionen anderer Hausfrauen, allein im Haus. Vor sich hatte sie die immer gleichen Aufgaben, auf die sie um nichts in der Welt verzichtet hätte.

Es ist bestimmt nichts Ungewöhnliches, dass eine Frau oder ein Mann phantasiert, eine Liebesaffäre zu haben. Mit diesen Phantasien lässt sich vieles besser ertragen. Glück, das wir nicht erleben, können wir wenigstens träumen. Es wäre ja auch nichts Ungewöhnliches gewesen, wenn sie versucht hätte, ihre Liebe zu Rolf zu realisieren. Sie hätte ein heimliches Verhältnis zu ihm haben oder versuchen können, die Beziehung zu ihm zu legalisieren. Ursula wählte einen Weg, der keines von beidem, bzw. alles war.

Ursula Rein liebte wie eine Frau nur lieben kann. Sie war kompromisslos genug – oder: in ihrer Liebe stark genug, um die Wirklichkeit ihrer Wünsche zu fordern und zu versuchen. Allmählich erst, dann mehr und mehr machte sie den Schritt aus ihrem Reich der Phantasie in eine Wirklichkeit, die sie sich selbst schuf. Die Menschen um sie herum merkten, dass etwas mit Ursula Rein nicht stimmte, dass sie mit etwas beschäftigt war, was sie mit keinem teilte. Manchmal entfernte sie sich abrupt von den Menschen, mit denen  sie gerade zusammen war, um sich ihren inneren Bildern oder ihren Gefühlen ganz hinzugeben. Oder sie lächelte schon mal in sich hinein, ohne dass es einen erkennbaren äußeren Grund gab.

Die Realität ihrer Liebe entstand sowohl plötzlich wie allmählich. Zuerst war es pure Phantasie. Aber irgendwann wusste sie, es ist so. Sie erkannte es daran, das Rolf eines Abends anrief und ihren Mann sprechen wollte. Das geschah zwar gelegentlich, aber dieses Mal sagte er am Telefon, als er zuerst Ursula Rein an den Hörer bekam:
Wie geht es Ihnen? Ist das Wetter nicht so, dass man sich wohl fühlen muss?
Sie wusste es sofort: Rolf wollte ihr sagen, dass er mit allem einverstanden war und alles wusste, was zwischen ihnen beiden war.

Eine Liebe zu phantasieren, ist nichts ungewöhnliches. Dass Ursula Rein aber von der Wirklichkeit überzeugt war, heißt, dass sie keine sichere Fähigkeit hatte, zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden. Sie war selbst im Kern psychotisch. Es gibt viele solcher Menschen, deren Psychose nur einen umgrenzten Lebensbereich  betrifft. Sie sind zwar immer auch in anderer Hinsicht „gestört“ – wie es Ursula Rein ja auch war - aber nicht so sehr, dass sie auffallen würden.

Ursula gab den Hörer mit einem:
Ja, Sie haben recht, an ihren Mann weiter.

Solange ihre Liebe zu Rolf für Ursula Rein nur Phantasie war, hatte sie Probleme mit ihrem Mann. Da war einerseits die Vorstellung einer erfüllten Liebe in ihrem Herzen und andererseits die konflikthafte Beziehung zu ihrem Mann. Diese Diskrepanz schmerzte sie. Es machte ihr die Unvollkommenheit ihres Lebens, ihr Unglück präsent. Die Phantasie, dass es eine bessere, eine vollkommene Liebe geben könnte, machte sie unglücklicher als sie vorher gewesen war. Als sie aber das, was doch nur Phantasie war, zur Realität machte, brauchte sie ihre aggressive Abgrenzung von ihrem Mann weniger als früher. Sie wurde etwas duldsamer mit ihm; denn sie hatte ja nun einen, der ihr näher stand und der vor allem immer so war, wie sie ihn brauchte. 


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