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Welt der Dichtung

Erzählung

Es war eine schöne Villa, die Ursula Rein mit ihrer Familie bewohnte, in einem grünen Stadtteil. Im Wohnzimmer, vor einem großen Fenster, mit Blick auf den Garten, saß sie oft in einem gemütlichen Sessel, mit einer Tasse Kaffee und einem Buch. Ursula Rein las viel und gerne Romane. Es war still im Haus, wenn ihr Mann weg war zur Arbeit, Cornelia unterwegs und Barbara in ihrem Zimmer auf der ersten Etage.

Romane beschreiben das Leben und sie beschreiben die Liebe zwischen Frauen und Männern. Aber sie beschreiben auch den unvermeidbaren Hass zwischen den Menschen. Unmittelbarer als im wirklichen Leben, erkennt man im Roman, dass es die Spannung zwischen Liebe und Hass ist, die die Geschichten in Gang bringt und in Gang hält. Wenn es diese Spannung nicht gäbe, gäbe es keine Romane. Aber es ist etwas anderes, die Sehnsucht zu fühlen oder sie  beschrieben zu lesen, die Qualen einer vergeblichen Liebe zu erleiden oder sie mit einer Romanheldin zu teilen. Es war die Leidenschaft und die Liebe und deren Triumph über die Mächte der Finsternis in den Büchern, die ihr für ein paar Stunden den Frieden gaben. Mit sich allein, versunken in die Welt der Dichtung, an ihrem stillen Platz konnte sie die Erregung der Romanheldin als die eigene spüren. Sie konnte sich dem Mann hingeben, der sie besitzen wollte und sie doch nicht zerstörte. Sie konnte sich mit den Einzelheiten seines Körpers befassen und ihn besitzen oder sich besitzen lassen, wie sie wollte.

Ursula Rein seufzte. Es war kein Bedauern darüber, dass das alles nur Fiktion war. Nein, dass es nur erfunden war, war die Voraussetzung, um überhaupt mit so viel Aufrichtigkeit Anteil nehmen zu können. Ihr Herz bebte mit den Liebenden und doch war sie immer Ursula Rein, die in ihrem bequemen Sessel, neben der Stehlampe vor dem großen Gartenfenster ein Buch las und gleich in ihre Küche gehen würde, um das Abendessen vorzubereiten.

Die Dramatik ihres eigenen Lebens erlebte Ursula Rein ganz anders, nämlich als banal, abstoßend und lästig. Nur lesend konnte sie genießen, was sie im wirklichen Leben mit Scham und Schmerzen erfüllte. Sie war ja nicht nur die Liebende ihres Romans, sie war auch das Böse, das die Romanwelt ständig mit Untergang bedrohte. Sie hauchte ja auch den Halunken und Verrätern  Leben ein.

So erfüllte das Lesen der Romane zwei Funktionen. Ursula Rein konnte in einem Schauspiel beobachten, was doch aus ihr geboren war. Sie konnte durch das Lesen etwas ausleben, was sie sich nicht zuschreiben konnte. Die Leidenschaft, ihre sexuelle Erregung, ihre sadistische Lust an der Zerstörung, ihre masochistische Lust an der qualvollen Selbstzerstörung, das waren so mächtige Triebregungen in ihr, dass sie sich nicht hätte retten können, wenn sie sich dessen bewusst geworden wäre. Genau genommen konnte sie sich diesen Dingen nicht einmal ungeschützt in der Literatur stellen. Die Phantasien von Lust und Qual des Marquis de Sade, die Darstellungen der Foltermaschine in der ”Strafkolonie” oder die Leidenschaft der Emma Bovary waren ihr zu bedrohlich. Sie begnügte sich mit der Literatur zweiter Wahl, wo alles geglättet und weniger drastisch ist. Aber darum ging es in ihrer Seele doch nicht herzloser zu, verbarg sie trotzdem - wie wir alle - in einer manchmal mehr, manchmal weniger gefälligen Landschaft Abgründe.

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