Glossar

Psychoanalyse

Die Psychoanalyse geht zurück auf Sigmund Freud. Sie ist eine Behandlungsmethode und zugleich eine Theorie über die seelischen Strukturen und Prozesse des Menschen. Die psychoanalytische Theorie liefert eine Erklärung dafür, dass unser seelisches Erleben nicht beliebig ist. Die Struktur unserer Psyche legt uns in unserem Empfinden und Handeln weitgehend fest. Auch wie wir unsere Erfahrungen verarbeiten, ist nicht beliebig, sondern geschieht nach bestimmten Regeln. Wir können eine unangenehme Erfahrung schnell vergessen, das heißt verdrängen. Wir können Aggression gegen uns selbst kehren, Gefühle umkehren, z. B. Neid in Fürsorge usw.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen Bewusstem und Unbewusstem. Die bewussten  Anteile sind die, die wir benennen, die wir denken und über die wir sprechen können. Aber das meiste in unserem Seelenleben ist wohl unbewusst. Wünsche, Ängste und Reaktionsweisen werden von uns gesteuert, ohne dass wir bemerken können, wie das geschieht. Wir können es allenfalls erschließen.

Seelische Konflikte entstehen, wenn unsere Einstellung oder unser Verhalten so von unbewussten Vorstellungen gesteuert wird, dass wir dadurch in einen Gegensatz zu uns selbst geraten. Ein Beispiel dazu ist der Neid, den ein Kind auf ein nachfolgendes Geschwister empfindet. Am liebsten würde es das kleine Geschwisterchen schnell wieder los. Weil das aber nicht geht, wird der Neid ins Unbewusste verdrängt und nun die Fürsorge an dessen Stelle gesetzt. Wenn das gut gelingt, profitieren alle. Der ältere Bruder sorgt nun für den kleinen Bruder, der fühlt sich durch den großen Bruder beschützt und die Eltern freuen sich über den Zusammenhalt der Geschwister. Wenn aber z. B. der kleine Bruder von den Eltern massiv bevorzugt, der Erstgeborne zu sehr vernachlässigt wird, kann die Verdrängung nicht gut gelingen. Der Neid wird zwar ins Unbewusste abgedrängt, bestimmt aber dennoch das Verhalten. Das könnte z. B. so geschehen, dass der Erstgeborene sich ständig mit dem Bruder zankt, als Erwachsener immer sehr aggressiv reagiert, wenn ein jüngerer Mitarbeiter in die Firma kommt usw.

Die psychoanalytische Therapie versucht nun das ursprüngliche Gefühl, hier im Beispiel den Neid und Hass ausgelöst durch das Erscheinen des Geschwisters, für den Betreffenden wieder spürbar werden zu lassen. Es reicht nicht, wenn der Patient nur weiß, wie es einmal gewesen war, er muss das Gefühl wieder erleben. Wenn das gelingt, kann das ursprüngliche Gefühl auch aufgegeben werden und der Betreffende sieht nicht mehr in jedem jüngeren Mitarbeiter den kleinen Bruder, der ihm so viel weggenommen hat.

Durch die psychoanalytische Behandlung können wir die Wirksamkeit der Regeln, nach denen wir funktionieren, unmittelbar erleben. Wenn sie gelingt,  lässt sich nicht nur ein Konflikt lösen, sondern es lassen sich neue Fähigkeiten entwickeln. Das macht uns nicht unbedingt glücklicher, aber es macht uns freier. Wir sind nicht mehr so sehr das Opfer unbewusst bleibender Wünsche und Ängste.

Die Behandlung, die, wenn sie notwendig ist,  von den Krankenkassen bezahlt wird,  findet 2 bis 4 Mal die Woche je eine knappe Stunde statt. Meist liegt der Patient. Dadurch kann er ungestört seinen Einfällen nachgehen und der Analytiker fühlt sich freier, die unbewusste Botschaft, in dem was der Patient sagt, zu verstehen; denn das ist die Aufgabe des Analytikers: das zu verstehen und dem Patienten mitzuteilen, was die Einfälle des Patienten regiert, ihm aber nicht bewusst ist.

Quelle: Prof. Dr. med. Frank Matakas, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalyse


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