
Depressionen
Jeder kennt Depressionen. Bei den meisten Menschen
bleibt sie aber eine Unpässlichkeit, für einen
Tag, vielleicht schon mal etwas länger. Man fühlt
sich nicht wohl, ohne klare körperliche Beschwerden zu
haben, ist schlecht gelaunt, verkriecht sich oder hat zu
nichts Lust, vor allem nicht zu arbeiten. - Manche Menschen
aber erwischt es richtig voll. Erst fällt ihnen die
Arbeit schwer, dann werden auch einfache Tätigkeiten
schwierig und zum Schluss schaffen sie nicht einmal die
tägliche Körperpflege. In diesen schweren
Fällen kann es vorkommen, dass sie sich überwacht
oder verfolgt fühlen und sie wissen es
hundertprozentig, dass sie bald verhungern, an einer
unheilbaren Krankheit sterben, oder im Gefängnis enden
werden, weil sie schweres Unrecht begangen haben.
Wie kommt die Depression zu Stande, was kann helfen?
Der Depressive klagt, dass er nicht das tun kann,
was er aber glaubt tun zu müssen. Wenn er also nichts
tun muss, hat er auch keinen Grund zu klagen, bzw. sich
schlecht zu fühlen. Wenn man depressive Menschen in
eine Situation bringt, wo sie keine Pflichten haben, weder
für andere noch für sich, wo alles für sie
geregelt wird, dann verschwindet auch die Depression. Das
kann man sich für eine Behandlung zunutze machen und
Menschen, die an einer schweren Depression leiden, so
helfen. Das gelingt aber in der Regel nicht zu Hause, weil
man sich dort nicht wirklich von allen Pflichten frei
fühlen kann. Man muss schon ins Krankenhaus ausweichen,
in günstigen Fällen geht es auch mit einem
Urlaub.
Das funktioniert in vielen Fällen,
aber doch nicht immer. Etwa jeder zweite Depressive
lässt sich die Pflichten, die er zu haben glaubt, nicht
nehmen. Er merkt und sagt es auch, dass er nicht arbeiten
kann. Trotzdem hält er daran fest, dass er es tun muss.
Geht er in eine Klinik und sagen ihm die Ärzte, dass er
von allen Pflichten für die Dauer seiner Depression
befreit sei, dann lässt er sich dennoch nicht darauf
ein. Er will nach Hause, manche lassen sich heimlich Akten
in die Klinik bringen, um daran zu arbeiten – was
natürlich nicht gelingt. Man muss die Entlastung
durchsetzen, manchmal mit sehr autoritären Methoden, um
eine Besserung zu erzielen.
Diese Beobachtung
kann uns helfen, zu verstehen, was eine Depression
eigentlich ist: Die Depression macht sich an der
nachlassenden Arbeitsfähigkeit bemerkbar. Deswegen
spricht man oft auch von burn-out Syndrom. Aber darum muss
die Arbeitsbelastung, auch wenn sie schwer ist, nicht die
Ursache sein. (Wenn ich beim Laufen Schmerzen im Bein habe,
ist das Laufen nicht unbedingt die Ursache der Krankheit im
Bein. Eine Gefäßerkrankung im Bein entsteht nicht
durchs Laufen, macht sich aber oft nur dabei bemerkbar.) Was
die Arbeit so schwer macht, ist die Antriebsminderung.
Deswegen ist es nicht nur die Arbeit, die schwer fällt,
sondern jede Form von Aktivität.
Wenn wir
ferner berücksichtigen, dass die Depression auch
körperliche Symptome macht, also eine körperliche
Krankheit ist, liegt folgende Erklärung nahe: Die
Depression kommt durch eine Hemmung der seelischen
Funktionen, also auch der Hirnfunktion zu Stande. Dabei ist
Hemmung nur eine vage Beschreibung für etwas, was wir
noch nicht richtig verstehen. Hemmung meint, dass die Seele
und irgendwie auch das Gehirn blockiert sind. Diese Hemmung
führt zu der Antriebsminderung. Die Hemmung ist aber
nur wirksam, wenn der Betreffende funktionieren muss. In
entlastender Situation, etwa in einem Urlaubsclub, wo man
sich nur amüsieren muss, und auch das noch von anderen
organisiert wird, macht sich diese Hemmung nicht bemerkbar,
man ist dort nicht depressiv. (Es ist wie mit dem Bein. Wenn
man nicht läuft, hat man auch keine Schmerzen. Und
während der Ruhe kann das Bein heilen, so dass es nach
einiger Zeit wieder schmerzfrei benutzt werden kann.)
Und wie kommt diese Hemmung zustande? Es ist gar
keine Frage, dass es Konflikte im sozialen Bereich sind,
meist in der Familie. Das heißt aber nicht, dass
jemand der Schuldige ist. Wenn man einen geliebten Menschen
aufgeben muss, wenn man die Verantwortung für sich ganz
alleine übernehmen muss, aber Angst vor dem Leben hat,
wenn man mehr am Leben leidet als andere, wenn man immer
wieder mit seinen Plänen scheitert, dann kann das die
Ursache einer Depression sein. Aber für den Depressiven
ist es zu schmerzhaft, diese Gründe auch anzuerkennen.
Darum will er davon nichts wissen und sucht die Ursache
lieber in der Arbeit, besser noch in einer körperlichen
Krankheit und sucht Hilfe in Medikamenten.
Medikamente, die sogenannten Antidepressiva, können
helfen. Leider ist es so, dass sie um so weniger wirksam
sind, je schwerer die Depression ist. Das hängt damit
zusammen, dass sie die depressive Hemmung nicht wirklich
aufheben können, sondern den Patienten lediglich
beruhigen. In leichten Fällen genügt das, die
Symptome verschwinden zu lassen, in schweren Fällen
erleichtern sie es, die Depression auszuhalten. Aber den
depressiven Prozess können sie nicht wirklich
beeinflussen.
Quelle: Prof. Dr. med. Frank Matakas,
Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
Psychoanalyse
______
zurück